Ausgabe Dezember 1999

Glosse: Speed

Die Freiheit der Mobilität und im besonderen der individuellen Mobilität gehört zu den Grundrechten des postmodernen Menschen wie einst die Gewissens- und Religionsfreiheit. Ein eklatanter Anachronismus, dass diese Freiheit noch nicht expressis verbis vom Grundgesetz verbürgt ist. Unbestreitbar träfe der Entzug des Führerscheins die meisten der Heutigen härter als die Unterdrückung religiöser Praxis. Doch die freie Mobilität ist bedroht – nicht durch plumpe Verbote, sondern durch schikanöse Stauerzeugung infolge investiver Askese. Das Verkehrsinvestitionsprogramm des Bundeskabinetts stellt fiskalische Sachzwänge, die immer und überall nachweisbar sein werden, über das staatsbürgerliche Grundrecht auf ein zureichendes Autobahnnetz und vor den Mobilitätstrieb der Epoche. Der grosszügige Bundesverkehrswegeplan der liberalkonservativen Vorgängerregierung verkommt zum Schatten seiner selbst und zur leeren Deklamation weitentrückter Fernziele.

Eine zwischenzeitliche Milderung der vom Autobahnnichtbau erzwungenen Mobilitätskatastrophe böte eine kreative und mutige Geschwindigkeitspolitik. Doch statt Pragmatismus beherrscht auch hier die Ideologie das Feld. So erschallt alle Jahre wieder der Ruf nach Geschwindigkeitsbeschränkung. Unlängst hat sich das Umweltbundesamt zum Sprachrohr jener besorgten Tachophoben gemacht.

Dezember 1999

Sie haben etwa 22% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 78% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo