Ausgabe Januar 2000

Blutkörperchen. Oder: Was es heißt, ein nützlicher Mensch zu sein

Man erlebt derzeit das seltsame, wenn auch nicht erstmalige Schauspiel einer Gesellschaft, die ihren Abgesang als literarisches Ereignis feiert. Die Rede ist von den „Elementarteilchen“, Michel Houellebecqs „visionärem Gesellschaftsroman“ über „das Ende der alten Ordnung“ (Houellebecq 1999). Erzählt wird von eindimensionalen Menschen ohne soziale Bindung und ohne persönliche Identität, tristen Existenzen, mit ihrer Umwelt höchstens über Obsessionen verbunden. Die Theorie des modernen Subjekts sagt uns, daß das nicht gut gehen kann – solche Lebensläufe enden im Bankrott, physisch oder psychisch: Die „brüderlichen Helden ... sind zwischen Liebesunfähigkeit, Sex-Sucht und hoffnungsloser Einsamkeit hin- und hergerissen; sie enden in Wahnsinn und Selbstmord“ („Der Spiegel“).

Von der Theorie moderner Systeme (Luhmann 1984) können wir lernen, daß auch Gesellschaften an solchen Figuren scheitern, weil sie ihnen auf Dauer nicht entziehen können, was für ihre Fortexistenz unabdingbar ist: menschliche Energie, „mehr Leben als eine alte Plastiktüte“ (FAZ). Energie bedarf eines Zentrums, dessen Platz aber ist leer – das „Leben ermüdet und langweilt“ (Houellebecq). Doch noch ist es nicht so weit. Systeme „laufen“, daher können Subjekte „leben“, meistens jedenfalls. Houellebecqs „Elementarteilchen“ sind Kunstfiguren, negative Utopien, deren Gegenwelt die positive, genauer: positivistische Utopie des realen Systems liefert.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo