Ausgabe September 2000

Das F-Wort

Europäische Begriffsverwirrungen

Da musste erst der französische Staatspräsident Jacques Chirac den Ratsvorsitz in der Europäischen Union übernehmen und Wegweisendes zur Position der Grande Nation verkünden, um - unfreiwillig - zu dokumentieren, was schon seit Monaten die Diskussion über die EU-Reform prägt: eine europäische Begriffsverwirrung. Chirac hat empfohlen, den Begriff "Föderation" gar nicht erst zu gebrauchen, um Missverständnissen vorzubeugen. Einer der Urheber solcher Missverständnisse ist ohne Zweifel Bundesaußenminister Joschka Fischer. In seiner Europa-Rede 1) hat er sich just für eine "Föderation" stark gemacht, mit einem europäischen Parlament und einer europäischen Regierung, "die tatsächlich die gesetzgebende und die exekutive Gewalt innerhalb der Föderation ausüben". Gleichzeitig besteht er darauf, dass der Integrationsprozess "die Nationalstaaten mitnimmt in eine solche Föderation" und deren Institutionen unangetastet lässt. Das klingt eher nach Konföderation als nach Föderation. Und wenn Chirac sich unter einem vereinten Europa reichlich verschwommen ein "stärkeres politisches, wirtschaftliches, soziales und kulturelles Ensemble" vorstellt 2), erinnert das eher an de Gaulles "Europa der Vaterländer".

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema