Ausgabe Mai 2001

Plädoyer für eine europäische Verfassung

Rede von Bundespräsident Johannes Rau vor dem Europäischen Parlament in Straßburg am 4. April 2001 (Wortlaut)

Frau Präsidentin,

meine Damen und Herren Abgeordneten,

ich danke Ihnen, Frau Präsidentin, ganz herzlich für die Einladung, heute vor diesem Hohen Haus meine Gedanken über die künftige Gestalt Europas vorzutragen.

Europa wird für seine Bürger immer konkreter, immer greifbarer, weil es sie immer unmittelbarer betrifft. In 271 Tagen werden die Bürgerinnen und Bürger in zwölf europäischen Ländern eine einheitliche Währung in ihren Portemonnaies haben. Wir reisen frei in Europa, vom Nordkap bis Gibraltar. Aber fühlen wir uns auch als Europäer? Ich empfinde es so, wie das ein großer europäischer Journalist, der Italiener Luigi Barzini, einmal formuliert hat, "... dass wir trotz der unbestreitbaren großen Vielfalt und Unterschiedlichkeit im Grunde alle Menschen eines Schlages sind..." Wir haben einen reichen Vorrat gemeinsamer Traditionen: Darauf hat auch Winston Churchill in seiner berühmten Züricher Rede vom September 1946 hingewiesen. Für ihn bestand das gemeinsame europäische Erbe aus dem christlichen Glauben und der christlichen Ethik, aus der Kultur, den Künsten, der Philosophie und der Wissenschaft vom Altertum bis zur Neuzeit. Wir alle kennen auch ganz aktuelle Beispiele dafür, dass es gemeinsame Interessen Europas gibt.

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die Zukunft des Regierens: Projekte statt Koalitionen?

von Albrecht von Lucke

Eigentlich hätte es ein perfekter Start ins neue Jahr für die Grünen sein können: Mit präsidialer Begleitung und stolz geschwellter Brust feierte die Partei ihren 40. Geburtstag und wurde im Hochgefühl ihrer starken Umfrageergebnisse prompt zur neuen Kanzlerschaftsfavoritin geadelt: „Wer besiegt Robert Habeck?“, fragt scheinbar voller Sorgen „Die Welt“.