Ausgabe November 2002

Scheitern als Chance

Täuschte der Eindruck oder lächelte Angela Merkel tatsächlich etwas gequält, als Edmund Stoiber am Wahlabend als strahlender Sieger vor die Kameras trat? Deutlich gelöster erlebte man "Kohls Mädchen" am folgenden Tage, als über Nacht aus dem großen Sieg eine klare Niederlage geworden war. Und endgültig zu alter Form lief die Parteivorsitzende am darauf folgenden Dienstag auf: Nach kurzem hitzigen Wortgefecht war in gewohnter Kaltblütigkeit der Fraktionsvorsitz übernommen und Friedrich Merz zum einfachen Abgeordneten degradiert. Seither präsentiert sich Angela Merkel in doppelter Funktion als die herausragende Figur der Union - genau wie ihr Vorgänger Helmut Kohl nach der verlorenen Wahl 1976.

Merkel könnte jedoch mit dieser Wahl das gelungen sein, wozu Kohl zwei Anläufe brauchte: 1976 egalisierte Kohl den Vorsprung der SPD aus den 72er-Willy-Wahlen, um 1980 seinen innerparteilichen CSU-Widersacher Strauß endgültig auszuschalten, indem er ihm den Vortritt ließ. Knappe zwei Legislaturperioden nach seiner ersten bundesweiten Kandidatur hieß der neue Kanzler Kohl. Einiges spricht dafür, dass es im Fall Merkel schneller gehen könnte. Anders als Kohl benötigte sie nur eine Wahl, um den Vorsprung der SPD wett zu machen und die Frage nach dem Vorrang zwischen den Schwesterparteien eindeutig zu klären.

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Parteien