Ausgabe April 2003

Polens Watergate

Pressefreiheit gibt es in Polen seit fast 14 Jahren. Doch die alten Reflexe der Konspiration funktionieren unter unbestechlichen Journalisten immer noch. Im Juli letzten Jahres konferierte Adam Michnik, Chefredakteur der größten Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ und ehemaliger Untergrundkämpfer der Solidarność, mit seinen engsten Mitarbeitern nur noch auf den Terrassen des Verlagshauses. Redaktionstelefone und Handys waren tabu. Man befürchtete Wanzen, installiert von höchster Regierungsstelle. Was war geschehen?

Nach Weihnachten machte die „Gazeta Wyborcza“ mit der Schlagzeile „Schmiergeld für Gesetz“ auf. Der Filmproduzent Lew Rywin (Der Pianist) suchte im Sommer 2002 Michnik im Auftrag „der Gruppe, die die Macht in den Händen hält“ auf und verlangte vom Verlag der Zeitung, Agora, 17,5 Millionen Dollar. Das sind fünf Prozent vom Wert des größten polnischen Privatsenders Polsat, den Agora gerne kaufen würde. Dem steht jedoch eine geplante Novellierung des Mediengesetzes entgegen, die verhindern soll, dass ein Unternehmen zugleich eine überregionale Zeitung und einen Fernsehsender besitzen darf.

In dieser Situation taucht nun der Emissär Rywin auf und verspricht, man könnte das Gesetz so verfassen, dass dem Kauf von Polsat nichts im Wege stünde.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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