Ausgabe September 2003

Scheinheilige Empörung

Ein ziemlich groteskes Theater wird uns seit Mitte Juli dieses Jahres vorgeführt. Mit großer Hingabe gehen die Medien der Frage nach, ob Präsident Bush und Premierminister Blair die Bedrohung durch irakische Massenvernichtunswaffen (WMD) im Vorfeld des Krieges gegen Saddam Hussein aufgebauscht und ihre Parlamente und die Bevölkerung getäuscht haben. Soweit es Bush betrifft, geht es vor allem um einen Satz in seinem Bericht zur Lage der Nation am 28. Januar 2003. In der wichtigsten Rede, die ein amerikanischer Präsident im Laufe des Jahres zu halten hat, sagte er: „Die britische Regierung hat herausgefunden, dass Saddam Hussein jüngst größere Mengen Uran aus Afrika kaufen wollte.“ Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice räumte inzwischen ein, es sei ein Fehler gewesen, diesen Satz in die Rede aufzunehmen. Sie hat „die Verantwortung übernommen“, im gleichen Sinne hatte sich vorher der CIA-Chef George Tenet eingelassen.

George W. Bushs engster Verbündeter im Krieg gegen den Irak, der britische Premierminister, muss sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, er oder einer seiner Mitarbeiter habe dafür gesorgt, dass die WMD-Bedrohung in einem Dossier des Geheimdienstes maßlos übertrieben worden sei: Innerhalb von 45 Minuten könnten diese Waffen Saddam Husseins einsatzbereit sein – so eine der Kernaussagen dieses Papiers.

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