Ausgabe Juli 2005

Zocken leicht gemacht

Kaum eine Zunft versteht sich besser auf die einfühlsame Pflege der politischen Landschaft als die Spielautomatenbranche. Dergleichen ist auch bitterlich vonnöten, denn schließlich handelt es sich um eines der umstrittensten Gewerbe im Lande. Fast 200000 Geldspielgeräte stehen in deutschen Kneipen und Spielhallen. Jedes bringt pro Jahr an die 20 000 Euro. Und von jedem Euro Spieleinsatz werden im Durchschnitt nur 52 Cent wieder als Gewinn ausgeschüttet. Der Rest verbleibt beim Betreiber und beim Staat. Wandern die ausgeschütteten Gewinne wieder in den Geldschlitz, so sind nach drei Durchgängen folglich etwa 6 von 7 Euro verschwunden.

Dass bei derart geringen Chancen überhaupt gespielt wird, erscheint als rätselhaft. Doch kaum jemand durchblickt das so genau. Und wie Fische von blinkenden Angelhaken werden Menschen vom Brimborium aus Gebimmel, kaleidoskopischen Farbspielen und Flackerlämpchen angezogen. Etwa 3,8 Mrd. Euro pro Jahr verzockt allein in diesen Klimperkisten – das ist fürwahr kein Pappenstiel. Doch alarmierender als dieser Milliardenverlust insgesamt ist dessen Verteilung. Es trifft vor allem die ganz Armen: Männer, die von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld leben, auch Familienväter, vergeuden oft in wenigen Stunden alles an Barem, pumpen noch bei Kumpeln und Kredithaien und verschulden sich heillos.

Es ist paradox, dass diese so gut wie aussichtslose Lotterie eine solche Suchtwirkung erzeugt.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

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