Ausgabe Februar 2008

Oettingers Scheiß-Privatsender

Da hat der baden-württembergische Ministerpräsident wohl lange hin- und herüberlegt, wie auch er einen Beitrag zur laufenden Jugendkriminalitätsdebatte leisten kann, um nach seiner misslungenen Grabrede für Filbinger und seiner medial breitgetretenen Ehekrise mal wieder bundesweit Gehör zu finden.

Und endlich, nachdem die vom wahlkämpfenden hessischen Ministerpräsidenten ausgelöste Debatte schon einige Tage lief, hat er sie ausgemacht, die Mitschuldigen an der zunehmenden Gewaltbereitschaft: die „Scheiß-Privatsender“. Von ihnen gingen, so Oettinger, „erhebliche Gefahren für die Erziehung der Jugend aus“. Explizit ausgenommen sehen wollte er dabei jedoch – warum eigentlich? – Sat.1 und RTL.

Lange hat es gedauert, bis die Einsicht, dass gerade den privaten Fernseh- wie Rundfunksendern die Quote vor anspruchsvolle Unterhaltung und Wissensvermittlung geht, auch Baden-Württemberg erreichte. Man mag sich mit Blick auf das Privatfernsehen, angelehnt an den Werbeslogan des Hustenbonbons Ricola, fragen: Wer hat’s erfunden?

Um dem angeblich „linken Medienkartell“ mitsamt öffentlich-rechtlichem Rundfunk endlich etwas entgegensetzen zu können und die gewünschte „geistig-moralische Wende“ auch medial voranzutreiben, forcierte die schwarz-gelbe Koalition nach 1982 die Einführung des Privatfernsehens. Ihr wichtigster Mitstreiter war dabei Medien- Tycoon Leo Kirch, der derzeit wieder reüssiert und ab Sommer 2009 die Fußball- Bundesliga vermarkten soll.

Die Kirch-Kohl-Allianz erwies sich dann auch über die gesamte Kohlsche Regentschaft als produktiv in beide Richtungen: Kohl konnte sich zuverlässig über Wahlkampfunterstützung freuen und die Kirchgruppe ihr Fernsehimperium ausbauen.

Mittlerweile verfügt die Bundesrepublik mit mehr als 30 Fernsehsendern über das europaweit umfassendste Angebot. Darunter so großartige Sender wie 9Live, die ihren Zuschauern Gewinne gegen teure Anrufe versprechen – oder eben der Big-Brother-Kanal RTL2 und seine Kindervariante SuperRTL, die mit quietschbunten, rasanten und sinnlosen Trickfilmen schon Kleinkinder vor den Fernseher bannt und sie zugleich einer ungeheuren Werbeflut aussetzt.

Nun sind sie also da, die gerufenen Geister, und man wird sie nicht mehr los. Die Boulevardisierung, Trivialisierung und der Hang zum Talkshow-Trash des Privatfernsehens werden vom Feuilleton nun schon geraume Zeit folgenlos attackiert – sei es in Form von „Big Brother“, „Dschungelshow“ oder „Deutschland sucht den Superstar“.

Wenn aber über die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gestritten wird, um nicht zuletzt dessen Attraktivität auch für Jüngere mittels zeitgemäßer Angebote im Internet zu erhöhen (wie es beispielsweise das ZDF mit seiner Mediathek versucht), sind es nach wie vor Christ- wie Freidemokraten, die den Privatsendern das Wort reden und von den Öffentlich-rechtlichen „Zurückhaltung“ verlangen. Noch im November vergangenen Jahres, als darüber im Zuge der anstehenden Gebührenerhöhung wieder einmal gerungen wurde, war es ausgerechnet Herr Oettinger, der ARD und ZDF zur Begrenzung ihres Digitalangebotes aufforderte und sich gegen den Ausbau digitaler Spartenkanäle wandte.

Ja was denn nun? Wer zu Recht eine Rückbesinnung auf den Bildungsauftrag des Fernsehens wie Rundfunks fordert, der kommt nicht umhin, diese mittels ausreichender Finanzierung und expliziten Aufgabenstellungen auch zu ermöglichen. Das allerdings bedeutet beispielsweise, nicht nur RTL2 oder SuperRTL zu kritisieren, sondern zugleich die Voraussetzungen für aufklärerische, informierende und trotzdem spannende Sendungen zu schaffen.

Ansonsten ist ebenso wie Kochs Gewaltdebatte auch eine – im Grunde ja berechtigte – Kritik an den „Scheiß-Privatsendern“ nichts anderes als billiger Populismus.

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo