Ausgabe April 2010

Kurzgefasst

Uta Ranke-Heinemann: Papst Benedikt oder Die große Täuschung. Sexueller Missbrauch und die Geheimschreiben des Vatikan

Die Nachrichten über sexuellen Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche reißen nicht ab. Die Theologin und Publizistin Uta Ranke-Heinemann fragt nach der Mitwisserschaft des Vatikan und wirft dem Papst eine systematische Behinderung der Justiz vor. Die Ursache für dieses Verhalten sieht sie insbesondere in der katholischen Sexualfeindlichkeit.

Wolfgang Hecker: Integration durch Konflikt: Der Streit um das Minarett

Mit der Schweizer Volksabstimmung über den Minarettbau hat die Islamdebatte auch in der Bundesrepublik an Schärfe zugenommen. Wolfgang Hecker, Professor für Staats- und Verfassungsrecht an der Verwaltungsfachhochschule Wiesbaden, entgegnet auf Josef Isensee (vgl. „Blätter“, 3/2010), dass auch das Minarett unter dem Schutz der Religionsfreiheit steht – und fordert einen Dialog auch jenseits von Rechtsfragen.

Mohssen Massarrat: Islam und Demokratie: Ein Widerspruch?

In der gesellschaftlichen Debatte erhält die Position, dass der Islam per se „integrationsunfähig“ und „demokratiefeindlich“ sei, wachsenden Zu-spruch. Mohssen Massarrat, Professor em. für Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück, konfrontiert diese Auffassung mit der realen historischen Entwicklung von Orient und Okzident, von Bürgertum und Aufklärung. Dabei zeigt sich: Von einer prinzipiellen „Integrationsresistenz“ (Isensee) des Islam kann keine Rede sein.

Daniel Kreutz: Bedingungslose Freiheit? Warum die Grundeinkommensdebatte den Freunden des Kapitalismus in die Hände spielt

In seinem Grundsatzurteil vom Februar 2010 rügte das Bundesverfassungsgericht die Berechnungsgrundlagen der Hartz-IV-Regelsätze. Daniel Kreutz, Referent für Sozialpolitik beim Sozialverband Deutschland, wägt vor diesem Hintergrund das Für und Wider einer bedingungslosen Grundsicherung ab. Gegen dessen Befürworter beharrt er auf der Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeit – als dem wichtigsten Instrument gegen das Skandalon der Massenerwerbslosigkeit. 

Hermannus Pfeiffer: Griechische Tragödie. Über Staatsverschuldung und die Zähmung der Finanzmärkte

Seit Wochen steht Griechenland aufgrund seiner Staatsverschuldung am Pranger. Der Wirtschaftspublizist Hermannus Pfeiffer fragt, wieso Athen als Sündenbock für die Verwerfungen des Finanzkapitalismus herhalten muss. Im Gegensatz zur schrillen Medienkampagne plädiert Pfeiffer für mehr Gelassenheit: Denn die hausgemachte Staatsverschuldung sei weder auf den Hellas beschränkt, noch gebe es angesichts der Finanz- und Währungskrise eine praxistaugliche Alternative.

Christopher Hayes: Die große Spaltung: Kapitalismus auf Chinesisch

Trotz Weltwirtschaftskrise setzt sich der chinesische Wirtschaftsaufschwung ungebremst fort – wenn auch mit gewaltigen Kosten. Der amerikanische Journalist Christopher Hayes analysiert in seiner Reportage die immensen Widersprüche, die das Land auf seinem Weg in die Moderne durchziehen. Dabei zeigen sich, gerade mit Blick auf die wachsenden sozialen Spaltungen, auch frappierende Ähnlichkeiten des kapitalistischen Gesellschaftsverständnisses der chinesischen und amerikanischen Eliten.

Janna Greve: Failing Cities? Die Krise der Megastädte – von Johannesburg bis Rio de Janeiro

Die zunehmende Errichtung innerstädtischer Mauern illustriert vor allem eines: die Abgrenzungsbereitschaft wohlhabender Schichten. Die Politikwissenschaftlerin Janna Greve sieht in ihnen eine typische „Signatur unserer Zeit“. Insbesondere am Beispiel Rio de Janeiros, der designierten Olympiastadt 2016, macht sie deutlich, dass nur das Recht auf angemessenes Wohnen und die Stärkung partizipativer Entscheidungsstrukturen den Ausgrenzungs- und Segregationstendenzen entgegenwirken können.

Kurt Nelhiebel: Der braune Faden. Vom deutschen Hass auf Juden und Kommunisten

Die bundesdeutsche Erinnerungskultur der Gegenwart klammert einen grundlegenden Aspekt weitgehend aus, nämlich die Rolle von Antisemitismus und Antikommunismus in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Journalist Kurt Nelhiebel analysiert die andauernde Blindheit auf dem rechten Auge – vom verdrängten Erbe des Nationalsozialismus bis hin zum Rechtsradikalismus und Antisemitismus der Gegenwart.

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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