Ausgabe November 2010

Der dritte Ort

Anerkennung und Fremdheit in paradoxen Gemeinschaften

Vor nun fast 20 Jahren beendete Julia Kristeva ihr Buch über das „Problem des Fremden“ mit den Worten: Wir sind „das erste Mal in der Geschichte gezwungen, mit Anderen, von uns gänzlich Verschiedenen, zu leben [...]. Eine paradoxe Gemeinschaft ist im Entstehen, eine Gemeinschaft von Fremden, die einander in dem Maße akzeptieren, wie sie sich selbst als Fremde erkennen [...]. Im Frankreich von heute, am Ende dieses 20. Jahrhunderts, ist ein jeder vom Schicksal dazu bestimmt, ‚derselbe und der Andere’ zu bleiben: ohne seine Herkunftskultur zu vergessen, aber sie relativierend, und zwar so weit, dass er sie nicht nur in die Nachbarschaft der Anderen rückt, sondern auch mit deren Kultur alterniert.”[1]

Diese Worte – „vom Schicksal dazu bestimmt, derselbe und der Andere zu bleiben“ – hallten während all der Jahre in mir nach, in denen ich über diese dichten Alltagsebenen der „paradoxen Gemeinschaften“ reflektierte, deren Zugehörigkeitsstruktur die Widerstandskraft von gewebtem Tuch besaß. Ich habe dabei sehen müssen, wie das Tuch zerschliss, wie die Fäden zerrissen und wie diese dichten, unersetzlichen Leben sich ethnisch, religiös und rassisch motivierter Kriegführung hingaben.

Kristevas Konzept der „paradoxen Gemeinschaft“ kann am Ende des ersten Jahrzehnts des 21.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema