Ausgabe November 2010

Der dritte Ort

Anerkennung und Fremdheit in paradoxen Gemeinschaften

Vor nun fast 20 Jahren beendete Julia Kristeva ihr Buch über das „Problem des Fremden“ mit den Worten: Wir sind „das erste Mal in der Geschichte gezwungen, mit Anderen, von uns gänzlich Verschiedenen, zu leben [...]. Eine paradoxe Gemeinschaft ist im Entstehen, eine Gemeinschaft von Fremden, die einander in dem Maße akzeptieren, wie sie sich selbst als Fremde erkennen [...]. Im Frankreich von heute, am Ende dieses 20. Jahrhunderts, ist ein jeder vom Schicksal dazu bestimmt, ‚derselbe und der Andere’ zu bleiben: ohne seine Herkunftskultur zu vergessen, aber sie relativierend, und zwar so weit, dass er sie nicht nur in die Nachbarschaft der Anderen rückt, sondern auch mit deren Kultur alterniert.”[1]

Diese Worte – „vom Schicksal dazu bestimmt, derselbe und der Andere zu bleiben“ – hallten während all der Jahre in mir nach, in denen ich über diese dichten Alltagsebenen der „paradoxen Gemeinschaften“ reflektierte, deren Zugehörigkeitsstruktur die Widerstandskraft von gewebtem Tuch besaß. Ich habe dabei sehen müssen, wie das Tuch zerschliss, wie die Fäden zerrissen und wie diese dichten, unersetzlichen Leben sich ethnisch, religiös und rassisch motivierter Kriegführung hingaben.

Kristevas Konzept der „paradoxen Gemeinschaft“ kann am Ende des ersten Jahrzehnts des 21.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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