Ausgabe November 2016

Die Politik des Ressentiments

Hass, Wut und Ressentiment, lange nicht wahrgenommen, aufgestaut oder schamhaft versteckt, bespielen die europäische Bühne. Kaum ein Land, in dem kein erbitterter Kulturkampf angezettelt werden soll – für das Abendland und gegen den Islam. Auch in Deutschland, lange Zeit vermeintliche Insel der Seligen, hat ein solcher Zeitgeist inzwischen massiv Einzug gehalten. Pegida fasst die diffuse, hoch widersprüchliche Affektlage in einem abstrusen Namenskürzel zusammen. Und die AfD, eine Ressentimentpartei sui generis, stürmt in die Parlamente – im Osten schon fast in Volksparteistärke, wie die Landtagswahlen dieses Jahres beweisen.

Wie aber erklärt es sich, dass der Kampf gegen den Islam, des vom Ressentiment gegenwärtig bevorzugten Hauptfeindes, dort mit der größten Emphase geführt wird, wo dieser kaum vorkommt – nämlich in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Umgebung? Woher kommt diese Unangemessenheit, diese Diskrepanz von emotionalem Affekt und seinem faktischen Gegenstand? Offenbar gilt für das Ressentiment: Wo sein Feind am fernsten und der Anlass am abwegigsten, da ist es am größten. Schon Nietzsche erkannte, dass der Mensch des Ressentiments eigentlich nicht auf Eindrücke reagiert, die er unmittelbar empfängt, sondern in seiner Vehemenz seltsam abwesend wirkt – wie von einem anderen Ort, einer anderen Zeit her bestimmt.

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema