Ausgabe März 2017

Agambens Bürgerkrieg

In den USA regiert Donald Trump selbstherrlich per Dekret und Kritiker fragen sich bang, ob daran bald die amerikanische Demokratie zerbricht. In Frankreich herrscht nach zahlreichen Terroranschlägen nach wie vor der Ausnahmezustand. Und Deutschland treibt weiterhin die Frage um: Wie umgehen mit den Flüchtlingen aus Bürgerkriegsregionen? Problemszenarien allerorten, einem aber spielt diese Weltlage zweifellos in die Karten: dem großen Krisendiagnostiker Giorgio Agamben. Der in Venedig und Paris lehrende Philosoph hat seit den 1990er Jahren zahlreiche Studien veröffentlicht, die zum Teil längst zu Bestsellern der politischen Philosophie geworden sind.

Den Grundstein für seinen Ruf als Meisterdenker der Gegenwart legte er 2002 mit seinem Buch „Homo sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben“, das zugleich den Auftakt für eine vielbändige Reihe bildete. Ziel des Homo-sacer-Projekts war und ist es, die „Krise der Gegenwart“ mit Hilfe einer „Archäologie“ ihrer Machtstrukturen neu zu denken. Dabei hat Agamben seine helle Freude daran, Grundannahmen der politischen Theorie gehörig zum Tanzen zu bringen. Leitmotiv der Homo-sacer-Reihe ist die Idee, dass zentrale Ordnungsbegriffe des Politischen stets auch ihr Gegenteil mit einschließen und mithin im Grunde Kategorien der Unordnung sind.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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