Ausgabe Juni 2018

Neuseeland: Vorbildlich links?

Belustigt schauten sich die Neuseeländer das langwierige Trauerspiel bei der Regierungsbildung in Deutschland an: Man habe Deutschland geschlagen, jubelten sie – nicht im Fußball, sondern politisch. Fast zeitgleich hatten beide Länder im September vergangenen Jahres ihre Parlamente gewählt. Beiderseits verloren Regierungsparteien Wählerstimmen, standen schwierige Koalitionsverhandlungen an. Doch während sich in Wellington bereits Ende Oktober ein neu formiertes Dreierbündnis an die Arbeit machte, amtierte in Berlin bis Mitte März, also nach Ablauf eines Achtels der Legislaturperiode, das alte Kabinett.

Das mag man sich in Wellington lieber nicht vorstellen. Koalitionsverhandlungen, so will es der Gesetzgeber, müssen nach vier Wochen in eine neue Regierung münden. Und so wird der Inselstaat seit dem 26. Oktober lagerübergreifend von den Sozialdemokraten, der populistisch angehauchten Partei New Zealand First und den Grünen geführt. Auf den ersten Blick verwundert diese bunte Mischung, denn traditionell ist das Parlament in Wellington vom britischen Westminster-System geprägt: Zwei vorherrschende Parteien, Nationalpartei und Labour, wechseln sich in der Regierungs- und Oppositionsrolle immer wieder ab. Große Koalitionen sind in diesem System nicht vorgesehen, sie passen nicht zum Denkmuster von Westminster.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.