Ausgabe April 2020

Kurzgefasst

Ulrich Menzel: Der Corona-Schock. Die finale Entzauberung der Globalisierung, S. 37-44

Die große Erzählung von den Vorteilen der Globalisierung wurde schon oft infrage gestellt. Doch die Corona-Pandemie gibt den Globalisierungskritikern recht, so der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel. Denn die Krise zeigt mehr denn je, wie abhängig uns die globale Vernetzung macht: von funktionierenden Lieferketten bis zur Versorgung mit Schutzmasken. Eine teilweise De-Globalisierung erscheint angesichts dessen unumgänglich.

Thomas Piketty: Die Ideologie der Ungleichheit. Elemente eines partizipativen Sozialismus für das 21. Jahrhundert, S. 45-52

Ungleichheit ist nicht naturgegeben und muss daher ideologisch gerechtfertigt werden. Doch heute gerät das in den westlichen Gesellschaften dominierende meritokratische Narrativ immer stärker unter Druck, argumentiert der Ökonom Thomas Piketty. Spätestens nach dem Triumph des Hyper-Kapitalismus ist die Ungleichheit derart verfestigt, dass die Vorstellung, jeder könne den individuellen Aufstieg schaffen, zunehmend realitätsfremd erscheint.

Yoni Appelbaum: Feind oder Freund. Wie die US-Demokratie noch gerettet werden kann, S. 55-67

Vor der Präsidentschaftswahl im November wird einmal mehr deutlich: Selten herrschte in den USA derart viel Feindschaft wie heute. Besonders die Republikaner hadern damit, dass weiße Christen nicht mehr in der Mehrheit sind. Doch die Partei muss sich der demographischen Entwicklung stellen, so der Historiker Yoni Appelbaum. Akzeptiert sie diese Realität nicht, kann das für die amerikanische Demokratie verheerend sein – wie schon zu Zeiten des Bürgerkriegs im 19. Jahrhundert.

Sören Musyal und Patrick Stegemann: Christchurch, Halle, Hanau: Vom Online-Hass zum rechten Terror, S. 69-80

Der rechte Terroranschlag von Hanau wurzelt im rassistischen Weltbild des Täters. Aber ohne den weit verbreiteten Hass im Netz ist diese Tat nicht zu verstehen. Längst findet Radikalisierung zunehmend online statt, so die Journalisten Patrick Stegemann und Sören Musyal. Der Jargon aus Foren wie 4chan prägt die Bekennerschreiben der Attentäter von Christchurch und Halle, die sich bewusst an einen Teil der Gamerszene wenden.

Mark Terkessidis: »Am deutschen Wesen«. Liberaler Imperialismus und der herrschende Rassismus, S. 81-90

Deutschlands Rolle als Kolonialmacht wird bis heute gerne verdrängt – und mit ihr die spezifisch deutsche imperial-koloniale Weltanschauung des 19. Jahrhunderts. Diese aber, so der Migrationsforscher Mark Terkessidis, wurde ganz maßgeblich von bürgerlich-liberalen Kräften entwickelt, stammt also aus der Mitte der Gesellschaft. Und noch immer erweist sich dieser Rassismus als prägend für unsere Gesellschaft.

Hans Stark: Außenpolitik auf Augenhöhe: Macrons EU als Global Player, S. 91-96

Emmanuel Macron hat zuletzt mit zahlreichen Alleingängen für Irritationen in Europa gesorgt, etwa mit seiner Annäherung an Russland. Doch resultieren diese unabgestimmten Vorstöße nicht zuletzt aus der Blockadehaltung Deutschlands, so der Politikwissenschaftler Hans Stark. Macron handelt aus der Überzeugung: Will die Europäische Union mit China, Russland und den USA mithalten, muss sie eine entschlossenere Außenpolitik betreiben.

Rosemarie Will: Der Bruch mit dem Bruch. Das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben, S. 97-103

In einer historischen Entscheidung hat das Bundesverfassungsgericht den §217 gekippt – und damit die Suizidassistenz wieder erlaubt. Auf diese Weise betont Karlsruhe die persönliche Autonomie als Teil der Menschenwürde, so die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will. Mit seinem Urteil folgt das Gericht aber auch der politischen Kultur der Bundesrepublik: Es korrigiert einen Mehrheitsentscheid, wo dieser Grundrechte verletzt.

Wolfgang Huber: »Dem Rad in die Speichen fallen«. Dietrich Bonhoeffers Weg in den Widerstand, S. 105-120

Wer im Widerstand gegen das Dritte Reich moralisch verantwortlich handeln wollte, musste bereit sein, Schuld auf sich zu laden. Diesem Dilemma stellte sich der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Sein Glaube machte ihn immun gegen die Ideologie der Nationalsozialisten, so der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber. Bonhoeffers Widerstand war insofern immer auch ein theologischer.

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

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