Ausgabe April 2021

Kurzgefasst

Fabian Scheidler: Die große Trennung. Die Geburt der technokratischen Weltsicht und die planetarische Krise, S. 51-62

Das gesamte Leben auf der Erde befindet sich in einer Überlebenskrise. Zentrale Ursache dafür ist ein technokratisches Weltbild, das die Natur zu einer beherrschbaren Ressource in der Hand des Menschen degradiert hat. Der Publizist und Buchautor Fabian Scheidler analysiert die Ursachen dieser Entwicklung. Die zeitgleich mit der Entstehung des Kapitalismus heraufbeschworene rationalistische Trennung, ja Entfremdung des Menschen von sich selbst wurde zum Ausgangspunkt der planetarischen Krise.

Robert Kagan: Zur Supermacht verdammt. Warum die Führungsrolle der USA unerlässlich ist, S. 63-75

Seit über 75 Jahren sind die USA die führende Kraft in der internationalen Politik. Dabei wollen sie diese Rolle durchaus gerne aufgeben, schließlich betrachten sie sich selbst nicht als Schutzmacht einer bestimmten Weltordnung. Der neokonservative Vordenker und Berater der Biden-Regierung Robert Kagan legt dar, warum die USA zur globalen Ordnungsmacht prädestiniert und zugleich verdammt sind – ob es ihnen gefällt oder nicht.

Colin Crouch: Postdemokratischer Kapitalismus. Zum Zusammenhang von Korruption und Ungleichheit, S. 76-86

Vor gut zehn Jahren sorgte die These des Politikwissenschaftlers Colin Crouch für Furore, dass die westlich-liberalen Staaten nur noch im postdemokratischen Leerlauf funktionieren. Nun untersucht Crouch das Verhältnis von Kapitalismus und Korruption. Sein Befund: Korruption erfolgt systemisch, durch Eliten aus Wirtschaft und Politik, die sich an Regeln zu halten behaupten, die in der postdemokratischen Realität längst ausgehöhlt sind.

Jens Kersten: Leben wir in der Virokratie? Wie sich in der Pandemie unsere Demokratie bewährt, S. 87-96

Die polemischen Vorwürfe gegen die Coronapolitik erwecken den Anschein, Deutschland befinde sich auf dem Weg in die „Corona-Diktatur“. Doch statt der „Herrschaft der Virologen“ erleben wir nach Ansicht von Jens Kersten einen demokratischen Rechtsstaat bei der Arbeit. Der Verfassungsrechtler widerlegt die maßlose Kritik an den Coronamaßnahmen und zeigt die Stärken unseres Verfassungsstaates auf, der gerade in Krisenzeiten seine Funktionsfähigkeit unter Beweis stelle.

Steffen Vogel: Das Erbe von ‘68: Identitätspolitik als Kulturrevolution, S. 97-104

Häufig wird der Vorwurf erhoben, Identitätspolitik führe zur Spaltung der Gesellschaft in Kleingruppen und Partikularinteressen. Das aber verkennt grundlegend die Bedeutung dieses Aktivismus, argumentiert „Blätter“-Redakteur Steffen Vogel: Nicht nur ist der Kampf von Frauen und Minderheiten für Teilhabe und Repräsentanz angesichts struktureller Diskriminierungen schlicht notwendig. Vielmehr geht es in ihm auch um die Zukunft der westlichen Gesellschaften als vielfältige Demokratien. In diesem Sinn handelt es sich um eine Kulturrevolution, die vollendet, was 1968 begonnen wurde.

Y. Michal Bodemann: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland? Von der falschen Konstruktion einer Kontinuitätsgeschichte, S. 105-112

Unter dem Titel „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ wird derzeit bundesweit ein Festjahr begangen. Die zahlreichen feierlichen Reden und Veranstaltungen suggerieren dabei eine stete Kontinuität des jüdisch-deutschen Zusammenlebens, die es so nicht gab, kritisiert der Soziologe Y. Michal Bodemann. Vor allem die Shoah markiert einen tiefen Bruch, der nach dem Zweiten Weltkrieg zwar staatlicherseits gekittet wurde, auf der gesellschaftlichen Ebene aber weiterhin besteht.

Kristin Helberg: Engagiert und zersplittert. Die syrische Diaspora in Deutschland als neue gesellschaftliche Kraft, S. 113-120

Zehn Jahre dauert der Krieg in Syrien nun schon, und ein Ende der Diktatur ist nicht in Sicht. Millionen Syrerinnen und Syrer im Exil können deshalb bis auf Weiteres nicht in ihre Heimat zurückkehren, darunter auch Hunderttausende in Deutschland. Höchste Zeit also, so die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Kristin Helberg, sie nicht länger als hilfsbedürftige Opfer, integrationsunwillige Geflüchtete oder bedrohliche Täter zu sehen, sondern ihr Potential als aktive Bewohner dieses Landes freizusetzen. Profitieren würde davon nicht nur das demokratische Miteinander hierzulande, mittelfristig könnte es auch zur Entwicklung einer demokratischen Zivilgesellschaft in Syrien beitragen.

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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