Ausgabe Dezember 2021

Kurzgefasst

Andrew B. Bacevich und Annelle Sheline: Joe Biden oder: Das Ende des amerikanischen Militarismus?, S. 47-53

Jüngst verkündete US-Präsident Joe Biden vor den Vereinten Nationen eine Abkehr von der US-Interventionspolitik. Seine Politik spricht jedoch eine andere Sprache, argumentieren der Historiker Andrew B. Bacevich und die Politikwissenschaftlerin Annelle Sheline. Um einen erneuten Kalten Krieg zu vermeiden und glaubwürdig den Kurs zu ändern, ist eine umfangreiche Umstrukturierung des US-Militärs zwingend notwendig.

Armin Schäfer und Michael Zürn: Krisenspirale und demokratische Entfremdung: Der Siegeszug des Populismus, S. 54-64

Mit ihrer Agitation gegen internationale Kooperation sind Populisten in allen westlichen Demokratien erstarkt. Dagegen hilft jedoch nicht der Rückzug ins Nationale, so die Politikwissenschaftler Armin Schäfer und Michael Zürn. Vielmehr muss die doppelte demokratische Entfremdung behoben werden, denen die Populisten ihre Stärke verdanken: Entscheidungsverfahren entfremden sich vom Modell der parlamentarischen Demokratie, und das Misstrauen gegenüber dem System als solchem wächst.

Hans-Jürgen Burchardt: Von der Corona- zur Klimakrise: Wer trägt die Lasten für eine bessere Zukunft?, S. 65-74

In nur wenigen Ländern Europas ist das Vermögen so ungleich verteilt wie in Deutschland. Eine untätige und mutlose Steuerpolitik fördert diesen Zustand noch, kritisiert der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Hans-Jürgen Burchardt. Es gelte, Steuersümpfe endlich trockenzulegen und den Reichtum der Wenigen durch höhere Steuersätze und neue, kreative Abgaben in den Dienst der Vielen zu stellen – anders seien die Lasten aus Corona- und Klimakrise zukünftig kaum zu finanzieren.

Jens Hacke: Freiheit in ökologischer Verantwortung. Plädoyer für einen ethisch sensiblen Liberalismus, S. 75-84

Im Zuge der Corona- wie der Klimakrise hat sich eines deutlich gezeigt: Im öffentlichen Diskurs dominiert ein libertäres Verständnis von negativer Freiheit. Das ist jedoch zu einseitig, warnt der Politikwissenschaftler Jens Hacke. Er plädiert für eine Rückbesinnung auf die Tradition eines sozialliberalen Freiheitsverständnisses. Nur ein ethisch sensibler Liberalismus, der Gerechtigkeit und soziale Sicherheit einschließt, ist fähig, die großen Krisen der Gegenwart zu bewältigen.

Eckart Conze: Erinnerungskulturelle Rechtswende. 150 Jahre 1871 und der Deutungskampf ums Kaiserreich, S. 85-95

150 Jahre nach seiner Proklamation in Versailles könnte man das Deutsche Kaiserreich für eine abgeschlossene Epoche halten. Doch in politisch unruhigen Zeiten erlebt es eine Renaissance für die Selbstverständigung der Bundesrepublik, so der Historiker Eckart Conze. Aus Sehnsucht nach einer harmlosen, identitätsstiftenden Geschichte dürften aber nicht der kritische Blick auf das Kaiserreich aufgegeben und dessen autoritäre, militaristische und teilweise völkermörderische Aspekte ausgeblendet werden.

Tsitsi Dangarembga: Jona im Wal oder: Warum wir eine neue Aufklärung brauchen, S. 96-102

Die Kolonialzeit war geprägt von physischer, ökonomischer und politischer Gewalt der weißen Imperialisten gegenüber der schwarzen Bevölkerung. Diese Gewalt aber setzt sich heute in den ehemaligen Kolonien und gegenüber Migrantinnen und Migranten im globalen Norden fort, so die Autorin Tsitsi Dangarembga. Um sie zu überwinden, müssen wir hierarchische Denkweisen hinter uns lassen, beginnend mit unserer Sprache.

Nicole Seifert: »Kitschig, larmoyant und voller Klischees«. Wie schreibende Frauen zum Schweigen gebracht werden, S. 103-112

Längst sind Autorinnen fester Bestandteil der literarischen Welt. Doch ist der Literaturbetrieb von Gleichberechtigung immer noch weit entfernt, argumentiert die Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert. Vielmehr dominieren hier nach wie vor frauenfeindliche Klischees und werden Texte von Autorinnen als „Frauenliteratur“ abgetan.

Daniel Leisegang: Vergiftete Welten: Von Facebook zum »Metaverse«, S. 113-119

Mit dem „Metaverse“ will Mark Zuckerberg ein neues Zeitalter für sein Unternehmen und das Internet einläuten: Eine neue virtuelle Parallelwelt, in der mit Hilfe von Avataren alles möglich ist – vom Handel über Arbeit bis hin zu Freizeitangeboten. Doch angesichts von Facebooks unzureichender Datenschutz-Politik und der mangelnden Bekämpfung von Hassrede durch den Konzern erscheint diese Entwicklung bedrohlich, so der Politikwissenschaftler und „Blätter”-Redakteur Daniel Leisegang. Um der toxischen Kultur im Internet entgegenzuwirken und die Demokratie vor weiteren Schäden zu bewahren, muss die Politik die Macht von „Meta“ beschneiden.

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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