Ausgabe Juni 2021

Boris Palmer oder: Asymmetrische Gesprächsführung

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, 23. April 2021 (IMAGO / ULMER Pressebildagentur)

Bild: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, 23. April 2021 (IMAGO / ULMER Pressebildagentur)

Am 8. Mai 2021 war das Maß endgültig voll: Die baden-württembergischen Grünen beschlossen im Rahmen eines Parteitags, in dessen Fokus eigentlich der soeben mit der CDU ausgehandelte Koalitionsvertrag stehen sollte, ein Ausschlussverfahren gegen den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer einzuleiten. Sein letzter „Coup“ bestand in der Kombination von Sexismus und Rassismus in Bezug auf ein unbelegtes Zitat eines Fußballspielers. Das verwendete Vokabular braucht hier nicht reproduziert zu werden, es war schlicht unterirdisch – und wer es noch nicht kennen sollte, wird problemlos im Internet fündig. Entsprechend groß war der Groll im Saal. Per Liveschalte erklärte Palmer, sein Facebook-Post sei ironisch zu verstehen, die Partei brauche ihn, gerade jetzt, wo ein Klima der persönlichen Einschüchterung die offene Debatte zu ersticken drohe. Doch das überzeugte niemanden mehr – weder im Publikum noch in der grünen Parteiführung, die sich entschieden von Palmer distanzierte.

Man könnte versucht sein, diesen Vorgang lediglich als die unvermeidliche Folge einer skurrilen schwäbischen Renitenz oder einer narzisstischen Aufmerksamkeitssucht zu sehen. Hat ein Oberbürgermeister denn nichts Besseres zu tun, als regelmäßig auf Facebook die Vorgänge in der Welt in tabubrecherischer Manier zu bewerten? Aber der Fall Palmer hat womöglich doch paradigmatischen Charakter.

Juni 2021

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Druckausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Kampfplatz Berlin: Die dämonisierte Linkskoalition als Türöffner für die AfD

von Albrecht von Lucke

Wahrscheinlich wird es für immer ein Geheimnis bleiben, was am Abend der Berlin-Wahl am 20. September Issa Remmo, Clan-Chef und zentrale Größe der organisierten Kriminalität in Berlin, veranlasste, auf der Wahlparty der Neuköllner Linkspartei aufzulaufen.

Hochglanz und Unterdrückung: Das neue Ägypten

von Hannah El-Hitami

Wer heute in Downtown Kairo unterwegs ist, bewegt sich durch eine Welt voller Kontraste. Eine junge, internationale und kreative Szene breitet sich hier in einem staubig-chaotischen Stadtteil aus, der sonst eher von Traditionsbetrieben und Straßenmärkten mit lokalen Produkten geprägt ist.

Sahel: Falsche Hoffnung in Putschisten

von Roger Peltzer

In der Juni-Ausgabe analysierte Olaf Bernau die Entwicklungen in den drei von Militärjuntas regierten Sahelstaaten Burkina Faso, Mali und Niger als einen in der westlichen Öffentlichkeit verkannten tiefgreifenden Umbruch in der Region, getragen von einer Politik der Hoffnung. Roger Peltzer sieht darin eine gefährliche Rechtfertigung antidemokratischer Regierungen.