Ausgabe Oktober 2021

Dekolonisieren heißt differenzieren

Die komplexe Vernichtungsgeschichte der OvaHerero und Nama

Grab auf dem historischen Herero-Friedhof in Swakopmund (IMAGO / agefotostock)

Bild: Grab auf dem historischen Herero-Friedhof in Swakopmund (IMAGO / agefotostock)

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich Ende Mai dieses Jahres die Nachricht, dass sich namibische und deutsche Regierungsdelegationen nach knapp sechs Jahren der Verhandlungen auf ein „Versöhnungsabkommen“ verständigt hatten, das die Anerkennung der zwischen 1904 und 1908 in der damaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ an den OvaHerero und Nama verübten Verbrechen als Völkermord, eine Entschuldigung Deutschlands beim namibischen Staat und den Nachkommen der Opfer sowie Entschädigungszahlen beinhaltet. Kein Blatt, kein Sender, der nicht über das Abkommen und dessen Hintergründe berichtete. Bereitwillig gaben Historiker, Theologen, Sprachwissenschaftlerinnen und sonstige Experten Auskunft über den Verlauf von Verhandlungen, an denen sie nicht beteiligt gewesen waren, und taten ihre Meinung kund zu Krieg und Genozid, Reparationen und Wiedergutmachung, Entschuldigung und Verzeihen. Von einer öffentlichen Verdrängung der kolonialen Vergangenheit oder gar einer kolonialen Amnesie, empirisch nie wirklich belegt, aber stets mit großem Pathos beklagt, konnte keine Rede sein. Stattdessen offenbarte sich ein anderer eklatanter Mangel in der medialen Berichterstattung: die Dringlichkeit einer Entkolonisierung des historiographischen Denkens und seiner Sprache. Das lässt sich an zwei Aspekten nachvollziehen.

Oktober 2021

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