Ausgabe Dezember 2023

Kurzgefasst

Jörg Armbruster: Im Strudel der Wut. Der Krieg in Gaza und die Neuordnung in Nahost, S. 51-58

Die großen Demonstrationen in den arabischen Ländern zeigen: Die USA verlieren in den dortigen Bevölkerungen weiter an Ansehen, eine Aussöhnung mit Israel scheint unmöglich. Der langjährige Nahostkorrespondent Jörg Armbruster zeigt, wie die Enttäuschung über die Doppelmoral des „Westens“ die Machtverschiebung in der Region beschleunigt: Iran gewinnt an Einfluss und China bringt sich als Ordnungsstifter ins Spiel.

Simon Sebag Montefiore: Narrative der Entmenschlichung. Der Terror der Hamas und das Versagen der dekolonialen Linken, S. 59-70

Nach dem Terrorangriff der Hamas und der folgenden israelischen Offensive zeigen sich viele linke Intellektuelle solidarisch mit Palästina. Oft glauben sie, damit einen antikolonialen Befreiungskampf zu unterstützen, zu dem teilweise auch die Hamas gezählt wird. Der Historiker Simon Sebag Montefiore hält das für ein gefährliche Verdrehung der Tatsachen. An der Geschichte zeigt er, dass der Staat Israel kein koloniales Konstrukt ist.

Seyla Benhabib: Die Hamas ist keine Befreiungsbewegung. Eine Antwort auf »Philosophy for Palestine«, S. 71-76

In einem offenen Brief solidarisierten sich jüngst namhafte Philosophen mit den Palästinensern gegen Israel. Implizit deuten sie dabei aber die Hamas zur Befreiungsbewegung um, kritisiert die Philosophin und „Blätter“-Mitherausgeberin Seyla Benhabib. Das aber lasse die historische Entwicklung beider Völker außer Acht. Trotz der fatalen Politik der israelischen Regierung sei Zionismus keine Form von Rassismus und seien zwei Staaten notwendig, auch wenn diese Lösung gerade unerreichbar scheint.

Salman Rushdie: Der Frieden in einer Zeit der Lügen. Warum wir die freie Rede erbittert verteidigen müssen, S. 77-83

Die Redefreiheit ist ein elementarer Bestandteil einer liberalen und demokratischen Gesellschaft. Diese Freiheit wird von reaktionären Kräften weltweit zunehmend bedroht, aber auch missbraucht. Der Schriftsteller Salman Rushdie plädiert dafür, falschen Narrativen bessere entgegenzusetzen, auf Hass mit Liebe zu antworten und nicht die Hoffnung aufzugeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen am Ende durchsetzen kann.

Golineh Atai: »Die Wahrheit muss an den Tag«. Was die 89er-Revolution mit Iran und Nahost verbindet, S. 85-93

Der Herbst 1989 steht beispielhaft dafür, dass friedliche Revolutionen möglich sind. Die Auslandskorrespondentin in Kairo, Golineh Atai, erinnert an die Bürgerrechtsbewegung und zieht Parallelen zu den Aufständen im Iran. Während Demokratie und Menschenrechte dort ihre Strahlkraft behalten hätten, gelte es hierzulande wieder an das Moment von 1989 anzuknüpfen.

Steffen Vogel: Faschismus und Freiheitskampf. Zur Aktualität von Jorge Semprún, S. 95-102

Der Schriftsteller Jorge Semprún kämpfte gegen den Nationalsozialismus und überlebte das Konzentrationslager Buchenwald – trotzdem plädierte er später für die Vereinigung Deutschlands. Zu seinem 100. Geburtstag erklärt „Blätter“-Redakteur Steffen Vogel, warum dessen politische Interventionen auch für die Debatten der Gegenwart relevant bleiben.

Ferdinand Muggenthaler: In schwerer See. 75 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, S. 103-110

75 Jahre nach ihrer Formulierung sind die Menschenrechte vielerorts diskreditiert und kaum durchgesetzt. Trotzdem sieht „Blätter“-Redakteur Ferdinand Muggenthaler in ihnen den herausragenden Bezugspunkt, um eine Weltpolitik zu denken, die mehr ist als ein chaotischer Machtkampf zwischen Staaten, internationalen Konzernen und kriminellen Kartellen.

Ralf Gisinger: Wissenschaftlich exakt, politisch unbrauchbar? Zur geologischen Definition des Anthropozäns, S. 111-116

Die Geologie steht kurz davor, das Zeitalter des Anthropozäns exakt zu bestimmen. Doch was als Durchbruch erscheint, ist innerhalb der Disziplin umstritten, wie der Philosoph Ralf Gisinger darlegt. So bleibt völlig unklar, ob die Definition dem Schutz menschlichen Lebens auf der Erde dient.

Martin Rücker: Die Krankheit nach der Krankheit. Deutschland in der Long-Covid-Krise, S. 117-122

Etwa jede zehnte Person bleibt auch nach überstandener Coronainfektion krank. Der Journalist Martin Rücker zeigt auf, wie unser Gesundheits- und Sozialsystem Betroffene postviraler Erkrankungen oft noch immer alleinlässt und ihr Leid durch falsche Therapien teils sogar verschärft.

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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