Ausgabe Oktober 2024

Kurzgefasst

Wolfgang Thierse: In Verteidigung der Freiheit. Was wir aus der Erfahrung der Diktatur für den Umgang mit der Diktatur lernen können, S. 45-56

Die deutsche Wiedervereinigung zeigt, dass Diktaturen durch innere Widersprüche und äußere Einflüsse überwunden werden können. Der Bürgerrechtler und ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse fordert, aus den Erfahrungen des Kalten Krieges zu lernen – gerade auch im Umgang mit Diktaturen wie Russland. Neben militärischer Verteidigung müsse heute auch die Diplomatie wieder stärker zu ihrem Recht kommen.

Richard C. Schneider: Nach außen wie nach innen: Israels doppelter Existenzkampf, S. 57-62

Das von der Hamas verübte Massaker vom 7. Oktober 2023 stellt für Israel eine existenzielle Tragödie dar. Doch diese zeigt sich nicht nur in den Opferzahlen, sondern ist auch metaphysischer Natur, so der Journalist Richard C. Schneider. Nach innen wie nach außen kämpft das in sich völlig zerstrittene Israel um sein Überleben und sucht nach einer neuen Definition des Zionismus wie der liberalen Demokratie, die den Staat in die Zukunft tragen können.

Jens Balzer: Ein Jahr 7. Oktober: Ist die woke Linke noch zu retten?, S. 63-72

Ausgerechnet woke Linke reagierten auf die Terrorangriffe der Hamas am 7. Oktober vergangenen Jahres oft mit unkritischer Parteinahme für die Palästinenser und antisemitisch gefärbter Israelkritik. Konservative haben das zum Anlass genommen, die Bewegung als ganze für gescheitert zu erklären. Demgegenüber plädiert der Autor Jens Balzer für eine Rückkehr zum eigentlichen Kern der Wokeness, der Wachsamkeit gegenüber Diskriminierungen – bei gleichzeitiger Abkehr von ideologischen Verirrungen.

Seyla Benhabib: Adorno und die Utopie der Nicht-Identität, S. 73-82

Ob im Populismus, in der Migrationsdebatte oder als Reaktion auf den Gazakrieg: Identitäres Denken nimmt stetig zu. Da lohnt der Rückgriff auf Theodor W. Adorno, so die Philosophin und „Blätter“-Mitherausgeberin Seyla Benhabib. Denn Adorno hielt in seinem Denken die Nicht-Identität hoch. Davon ausgehend ist es möglich, eine nicht-identitäre Solidarität zu begründen, die Verschiedenheit respektiert und ermöglicht.

Naika Foroutan: Die geschürte Migrationspanik. Warum wir die islamistische Gefahr und nicht die Zuwanderung bekämpfen müssen, S. 83-88

Seit dem islamistischen Anschlag von Solingen bestimmen Forderungen nach radikaler Migrationsabwehr den öffentlichen Diskurs wie die Politik. Doch damit, so die Migrationsforscherin Naika Foroutan, lässt sich weder einer islamistischen Radikalisierung vorbeugen – noch die Zukunft der Einwanderungsgesellschaft gestalten.

Jason Stanley: Der Campus als Schlachtfeld. Wie faschistische Politik den öffentlichen Diskurs zersetzt, S. 89-98

Faschistische Bewegungen versuchen zunehmend, Expertenwissen und wissenschaftliche Forschung infrage zu stellen und die Meinungsfreiheit einzuschränken. Der Politikwissenschaftler Jason Stanley beschreibt diese Angriffe als Teil einer breit angelegten Strategie mit dem Ziel, das Verständnis für kulturelle Vielfalt und demokratische Werte zu zerstören.

Lucas Brang: Von Carl Schmitt über Dugin bis Trump: Die Neue Rechte in China, S. 99-108

Ein unerwarteter westlicher Ideenimport findet in China immer mehr Anklang: die Schriften des NS-Kronjuristen Carl Schmitt. Die neurechten Strömungen in der Volksrepublik, analysiert der Jurist Lucas Christopher Brang, gehen dabei ideologische Verbindungen zur Neuen Rechten in Europa, Russland und den USA ein.

Simone Schlindwein: Flucht aus der »Hölle auf Erden«. Die Verbrechen von Darfur und die riskante Suche nach Gerechtigkeit, S. 109-114

Seit April 2023 herrscht im Sudan ein verheerender Bürgerkrieg und mehren sich die Anzeichen für einen Völkermord, so die Journalistin Simone Schlindwein. Doch selbst in Nachbarländern wie Uganda bedrohen die paramilitärischen RSF-Milizen sudanesische Geflüchtete und erschweren so die Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs.

Christa Wichterich: Aufwerten statt abwerben. Zum Fachkräftemangel im Care-Bereich, S. 115-122

Angesichts des Notstands im deutschen Gesundheitssystem wirbt die Bundesregierung um Fachkräfte aus dem Globalen Süden. Doch dadurch entstehen neue Ungleichheiten und verschärft sich die Versorgungskrise in den Herkunftsländern, so die Soziologin Christa Wichterich. Das Abwerben von Arbeitskräften allein kann die Krise des hiesigen Gesundheitssystems nicht entschärfen, vielmehr bedürfe dieses einer grundlegenden Reform.

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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