Bild: Weltweit zünden Menschen ihre Zigaretten an brennenden Fotos von Chamenei an und protestieren damit gegen das Regime im Iran - hier in Berlin am 14.1.2026 (IMAGO / Carsten Thesing)
Mehran Azizi war in Teheran, als das iranische Regime das ganze Land vom Internet abschnitt. Mit einem Mal hatten 90 Millionen Menschen keinen Zugang mehr zur digitalen Welt. Der 44-jährige Stuttgarter war auf Heimatbesuch, über die Weihnachtsfeiertage wollte er seine Familie in Iran besuchen. Er hatte nicht damit gerechnet, in die größte Protestwelle hineinzugeraten, die die Islamische Republik je erlebt hat. »Das war Krieg gegen die eigene Bevölkerung«, sagt er, als er wieder zurück in Deutschland ist.[1]
Am 28. Dezember 2025 riefen Händler des Teheraner Basars zum Streik auf. Die Bazaris sind das Herzstück der iranischen Wirtschaft und erachten politische Unruhen eher als schädlich. Umso erstaunlicher ist, dass ausgerechnet sie die Proteste auslösten: Sie starteten ihren Streikaufruf, als die iranische Währung Rial auf ein nie dagewesenes Tief fiel, während die Inflation unaufhörlich wuchs. Innerhalb eines Jahres sind die Preise für Lebensmittel um 70 Prozent gestiegen.[2] Die Mittelschicht existiert heute im Grunde nicht mehr; viele können kein menschenwürdiges Leben mehr führen. Laut der Weltbank sind allein im Jahr 2025 weitere 2,5 Millionen Menschen unter die Armutsgrenze gerutscht. Unter dieser Schwelle leben inzwischen 35,4 Prozent der Bevölkerung.[3]
Rasch weiteten sich die Proteste auf das ganze Land aus. Die Menschen gingen auf die Straße, weil sie unter extremer wirtschaftlicher Not und politischer Repression leiden. Auch akademisch gebildete junge Menschen haben kaum Aussichten auf Arbeit und müssen oft mehrere Jobs gleichzeitig ausüben, um über die Runden zu kommen. Viele von ihnen haben keine Hoffnung mehr auf eine bessere Zukunft.
Die Mischung aus wirtschaftlicher Not, politischer Unterdrückung und Hoffnungslosigkeit macht die jüngsten Proteste so explosiv. Das Regime reagierte zunächst mit vermeintlich verständnisvollen Worten; Präsident Masoud Pezeshkian sagte anfangs sogar, dass Menschen keine Erlaubnis bräuchten, um auf die Straßen zu gehen.[4] Das war allerdings vor allem als Beruhigung für das Ausland gedacht. Die Menschen in Iran schenken Aussagen des Regimes schon lang keinen Glauben mehr.
Die Grausamkeit der iranischen Führung kennt keine Grenzen.
Zu Recht, wie sich bald zeigen sollte: Am 8. Januar verhängte das Regime eine vollständige Internetsperre. Es sollte der längste Internet-Blackout in der Geschichte des Staates werden. An diesem Abend waren um 20 Uhr Ortszeit zehntausende Menschen auf die Straßen geströmt. Das lag auch an einem Aufruf von Reza Pahlavi über die Sozialen Medien. Pahlavi ist der 65-jährige Sohn des letzten Schahs von Persien, Mohammad Reza Pahlavi. 1979 wurde der autoritäre Herrscher durch die später als »Islamisch« deklarierte Revolution gestürzt. Sein Sohn lebt seit Jahrzehnten im US-Exil. Er hat seinen Anspruch, nach Iran zurückzukehren, nie aufgegeben und spielte in den vergangenen Jahren eine prominente Rolle in der Exil-Opposition. Das ist einer der Gründe, warum Protestierende auf den Straßen seinen Namen rufen: Viele Iranerinnen und Iraner glauben, dass er ihnen helfen könnte, endlich das verhasste Regime zu stürzen. Diese Unterstützung rührt oft weder aus ideologischer Nähe noch aus dem Wunsch, Pahlavi solle nach einem potenziellen Umsturz die Führung im Land übernehmen. Es geht ihnen darum, in ihrem Kampf gegen die Islamische Republik nicht allein zu sein. Gleichzeitig stehen ihm viele Menschen, sowohl im Land als auch außerhalb, kritisch gegenüber, insbesondere Angehörige ethnischer Minderheiten: Seine nationalistischen Reden erzeugen ein nachvollziehbares Misstrauen. Die iranische Oppositionsbewegung ist traditionell gespalten – es gab bisher keine Figur, die die Hoffnungen auf sich vereinen konnte. Trotz aller Kritik schien es während der Proteste für eine Weile so, als ob Pahlavi zwar keine eine Mehrheit hinter sich versammelt hätte, aber zumindest einen Teil der Bevölkerung. Auch das war neu.
Blutige Repression
Die landesweite Internetsperre markierte den Beginn von Massentötungen. Bereits bei den sogenannten Aban-Protesten im Jahr 2019 hatte das Regime während einer viertägigen Internetblockade nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters mindestens 1500 Menschen ermordet.
»Am Donnerstagabend waren so viele Menschen auf den Straßen in Teheran, wie ich das noch nie gesehen habe«, berichtet Mehran Azizi. Er war auch bei den als »Grüne Revolution« bezeichneten Protesten im Jahr 2009 dabei gewesen. Aber so eine Protestwelle, erzählt er, habe er noch nicht erlebt. Und auch nicht eine so gewaltsame Reaktion. Ärztinnen und Ärzte eines Krankenhauses in Teheran berichteten der BBC von »direkten Schüssen in die Köpfe der jungen Menschen, und in ihre Herzen«.[5] Auch von gezielten Schüssen in die Augen von Protestierenden wurde berichtet; dieses Vorgehen ist aus der Niederschlagung der »Frau, Leben, Freiheit«-Proteste im Jahr 2022 bekannt. In einem einzigen Krankenhaus in Teheran wurden 400 Augenverletzungen dokumentiert, so der britische »Guardian«.[6]
Es mehrten sich Berichte von immer mehr Leichen in Krankenhäusern, Leichenhallen und Friedhöfen. Laut anonymen Aussagen des Krankenhauspersonals handele es sich vor allem um junge Menschen, berichtet die BBC. »Es ist wie in Kriegsfilmen, in denen man sieht, wie verwundete Soldaten auf freiem Feld behandelt werden. Wir haben kein Blut, wir haben nicht genug medizinische Hilfsgüter«, so ein Arzt aus Teheran gegenüber dem »Guardian«.
In den ersten Tagen des Blackouts gab es vereinzelt die Möglichkeit, über Starlink Informationen ans Ausland zu geben. Die teure Technologie für das von Elon Musk bereitgestellte Satelliteninternet wurde vermutlich in den vergangenen Jahren vorsorglich ins Land geschmuggelt und steht damit nicht vielen Menschen zur Verfügung. Es ist zudem sehr gefährlich, diese Technologie zu nutzen, weil sie nachverfolgt werden kann. Trotzdem gingen viele Menschen das Risiko ein; sie wollten berichten, was die Menschen in Iran erleiden. Die Zahl der Todesopfer sei »atemberaubend«, schreibt der »Guardian«, der schon seit vielen Jahren mit guten Kontakten aus dem Land berichtet. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, obwohl Menschenrechtsorganisationen versuchen, jedes einzelne Opfer zu verifizieren. Das Ausmaß seiner Gewalt zu verbergen, ist seit Bestehen der Islamischen Republik der Modus Operandi des Regimes: Leichen werden verscharrt, versteckt, den Angehörigen nicht zurückgegeben. Auch heute berichten Menschen davon, dass Angehörige für die toten Körper ihrer Liebsten Geld zahlen müssen, um sie begraben zu können; zwischen 7000 und 13 000 US-Dollar – in einem Land, in dem viele Menschen sich kaum Lebensmittel leisten können. Die Grausamkeit der iranischen Führung kennt keine Grenzen.
Die Zahl der Toten wird jetzt schon auf mehrere tausend geschätzt. Das Ausmaß der Gewalt wird vermutlich auf Jahre nicht genau bestimmbar sein. Schon bei den Massentötungen der 1980er Jahre dauerte es Jahrzehnte, bis genauere Zahlen bekannt wurden – und das nur dank der unermüdlichen Arbeit von Angehörigen und Menschenrechtsorganisationen. Erst heute weiß man, dass zwischen 1980 und 1988 etwa 20 000 Menschen hingerichtet wurden. Es ist eines der vergessenen Verbrechen des 20. Jahrhunderts.[7]
Der Verlust der Verbündeten
Die Proteste der Jahreswende 2025/2026 unterscheiden sich aus einem weiteren wichtigen Grund von allen vorangegangenen Protesten: Die Bevölkerung trifft auf ein Regime, das so geschwächt ist wie nie zuvor.
Diese Schwäche hat außen- sowie innenpolitische Gründe. Außenpolitisch ist der Verlust der Verbündeten in der Region wichtig. Das iranische Regime hatte seinen verlängerten Arm Hisbollah und seinen Verbündeten Hamas jahrelang mit Geld und Waffen versorgt, um militärischen Einfluss und Macht in der Region auszuüben. Die Schläge der israelischen Armee gegen Hisbollah und Hamas nach dem 7. Oktober 2023 galten daher auch der Führung in Teheran. Mit einem Mal verloren die ständigen Drohungen gegen die USA und gegen Israel massiv an Kraft – obgleich Antiamerikanismus und Antizionismus für die Islamische Republik identitätsstiftend sind.
Auch ein anderer enger Verbündeter fiel: der syrische Präsident Baschar al-Assad. Das Regime hatte Assad in seinem jahrelangen Kampf gegen das eigene Volk unterstützt und sogar Truppen nach Syrien geschickt, um gegen die »Aufständischen« zu kämpfen. Schließlich investierte die Führung in Teheran viele Milliarden Dollar in Syrien, um Geschäfte im Land machen zu können und ihre militärische Macht zu vergrößern.
Schließlich bewies die israelische Regierung mit ihren Bombardierungen im Juni 2025, wie angreifbar die Islamische Republik ist. Anscheinend mit Leichtigkeit drang die israelische Armee in den iranischen Luftraum ein, griff Atomanlagen sowie militärische Ziele an und tötete ranghohe Generäle und Regimevertreter. Die iranische Führung übte zwar mit Luftschlägen Vergeltung, konnte damit aber Israels militärische Überlegenheit nicht ausgleichen. In Israel starben 29 Zivilisten bei den Bombardierungen[8], im Iran waren es 1190.[9] Auch die USA unter Präsident Donald Trump bombardierten iranische Atomanlagen. Der Gegenschlag des iranischen Regimes auf den US-Angriff war symbolisch – offensichtlich kann das Land sich keinen Konflikt mit den USA leisten. Die außenpolitische Schwäche des Regimes ist für die ganze Welt sichtbar geworden. Es kann sich weder gegen Israel noch gegen die USA verteidigen.
Der innenpolitische Kontext ist schnell erklärt: Die große Mehrheit der Bevölkerung hat sich endgültig von der Islamischen Republik abgewandt – spätestens seit den Protestwellen in den Jahren 2019 und 2022. Mit den 1500 Getöteten bei den Aban-Protesten 2019 wurde jeder ohnehin kaum noch vorhandene Glaube an die Reformwilligkeit des Systems begraben. Bei den »Frau, Leben, Freiheit-Protesten« 2022 – ausgelöst durch den Mord an der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini wegen eines vermeintlich schlecht sitzenden Kopftuchs – tötete das Regime mehrere hundert Menschen auf den Straßen, darunter viele Kinder und Jugendliche. Die systematischen Fälle von Folter und sexualisierter Gewalt in den Gefängnissen, auch an Kindern, erreichten die Öffentlichkeit.
Die Proteste im Jahr 2022 wurden niedergeschlagen. Was blieb: der Widerstand gegen die Kopftuchpflicht. Viele Frauen entschieden sich, den Hidschab nicht mehr anzulegen. Immer wieder verkündete die Führung strengere Gesetze und härtere Maßnahmen, um den Verschleierungszwang wieder durchzusetzen. Es gelang ihnen nicht. Wer heute Bilder und Videos von Städten und anderen Orten in Iran sieht, wird oft kaum glauben, dass es sich um die Islamische Republik handelt. Ein großer Teil der Frauen legt das Kopftuch nicht mehr an. Dieser Sieg der Frauen ist einer der vielen Hinweise auf die heutige Schwäche des Regimes.
Viele Frauen entscheiden sich, den Hidschab nicht mehr anzulegen. Das Regime kommt nicht dagegen an.
Und schließlich muss die iranische Führung die Unberechenbarkeit des US-Präsidenten fürchten. Während der Internetsperre warnte Trump das iranische Regime wiederholt, dass er einschreiten werde, sollten die Machthaber Protestierende umbringen. Sie brachten Protestierende um – und Trump schritt nicht ein. Bei einem bemerkenswerten Pressetermin im Weißen Haus sagte er einige Tage nach Beginn des Shutdowns gar, ihm sei von oberster Stelle versichert worden, dass »das Töten aufgehört« habe. Es gebe außerdem »keine Pläne für Hinrichtungen«, so Trump.[10] Dabei gibt es eine Grundregel im Umgang mit dem iranischen Regime: Alles, was offiziell verlautbart wird, ist eine Lüge – bis zum Beweis des Gegenteils.
Ob ein militärischer Eingriff für Trump damit erledigt ist, bleibt unklar. Kurz zuvor hatte er den Protestierenden noch über die Sozialen Medien zugeworfen, sie sollten weiter protestieren und die »Institutionen« erobern. Hilfe sei auf dem Weg.[11] Es ist ein grausames Spiel, das der US-Präsident da treibt.
Der Hass auf das Regime
Mitte Januar mehrten sich Meldungen, nach denen das Regime die Internetsperre monatelang aufrechterhalten will. So groß, lässt sich schließen, ist die Angst der Machthaber vor weiteren Protesten. Traditionell kommen in Iran Trauernde am vierzigsten Tag nach dem Tod zusammen, um des getöteten Menschen zu gedenken. Es gibt vermutlich zehntausende, wenn nicht hunderttausende Menschen im Land, die einen geliebten Menschen verloren haben. Der Hass auf das iranische Regime, davon kann man ausgehen, ist ins Unermessliche gestiegen. Es verfügt über nichts anderes als Gewalt, um sich an der Macht zu halten. Es scheint, als habe der Sterbeprozess des Regimes sich mit diesen Massentötungen fortgesetzt. Die Frage ist nur, wie lange dieser Prozess noch dauert. Und wieviel Blut bis zu seinem Ende fließen muss.
[1] Im Gespräch mit der Autorin, der Name wurde auf Wunsch geändert, er ist der Redaktion bekannt.
[2] Vgl. Protests and US warnings shake Iran at its weakest point in years, bbc.com, 5.1.2026.
[3] Worldbank, Poverty & Equity Brief, Islamic Republik of Iran, Washington 2025.
[4] Vgl. Tehran adjusts its public tone as protests return, iranintl.com, 1.1.2026.
[5] Vgl. »There wasn’t even time for CPR«, bbc.com, 10.1.2026.
[6] Deepa Parent und William Christou, Hundreds of gunshot eye injuries found in one Iranian hospital amid brutal crackdown on protests, theguardian.com, 13.1.2026.
[7] Nasser Mohajer, The Voices of a Massacre: Untold Stories of Life and Death in Iran, 1988, London 2020.
[8] House of Commons Library, Research Briefing, 22.7.2025.
[9] Vgl. Twelve days under Fire: A Comprehensive Report on the Iran-Israel War, en-hrana.org, 28.6.2025.
[10] NBC News, youtube.com, 15.1.2026.
[11] Vgl. Trump urges Iranians to keep protesting, saying »help is on its way«, reuters.com, 14.1.2026.