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»Allianz darf nicht mehr mit Essen spielen«

Studie von Oxfam Deutschland zu Nahrungsmittelspekulationen, 9.5.2012

Seit einigen Jahren werben Finanzberater/innen und Banken in Deutschland für Agrarrohstoffe als Anlageklasse: Steigende Nahrungsmittelpreise verhießen hohe Gewinne, die sich niemand entgehen lassen solle. Je höher der Preis für Grundnahrungsmittel, desto höher auch der Profit, so die zynische Formel. In Deutschland geben wir durchschnittlich gut zehn Prozent unseres Einkommens für Nahrungsmittel aus, Familien in armen Ländern dagegen bis zu 80 Prozent. Steigen die Preise, wächst der Hunger. So geschehen im Jahr 2008: Die globale Nahrungsmittelkrise trieb die Zahl der hungernden Menschen weltweit auf über eine Milliarde und löste in 61 Ländern Hungerproteste aus. „Alle essen weniger. Frauen müssen die größten Opfer bringen. Sie essen erst, nachdem alle anderen versorgt sind“, erklärte ein von Oxfam interviewter Landarbeiter aus Bangladesch. 2010/11 explodierten die Nahrungsmittelpreise erneut. 44 Millionen Menschen in armen Ländern – das entspricht mehr als der Hälfte der Bevölkerung Deutschlands – wurden zusätzlich in den Hunger getrieben, weil sie sich ihr Essen nicht mehr leisten konnten. Die Spekulation mit Nahrungsmitteln ist für diese extremen Preisschwankungen mitverantwortlich.

Der kometenhafte Aufstieg der Indexfonds

Der Handel mit Rohstoffderivaten boomt. Auf Agrarrohstoffe entfielen im Juni 2011 ein Viertel der weltweiten Rohstoff-Kapitalanlagen. Sie sind seit 2003 von neun Milliarden auf 99 Milliarden US$ gestiegen. Mit Indexfonds haben Banken ein Anlageprodukt geschaffen, dessen Wert sich am aktuellen Stand eines bestimmten Rohstoff-Indexes orientiert. So kann heute jede und jeder in Rohstoffe investieren – auch diejenigen, die kein Wissen über den realen Rohstoffmarkt haben. Zwischen 1998 und 2008 stieg das Anlagevolumen in Rohstoff-Indexfonds von drei auf 174 Milliarden US$. Durch den kometenhaften Aufstieg der Indexfonds sind Spekulanten an den Warenterminbörsen inzwischen in der Überzahl. Die exzessive Spekulation schürt künstlich die Nachfrage und verzerrt die Preise. Diese orientieren sich heute vor allem an den Gesetzmäßigkeiten der Finanzmärkte und den Motiven der Finanzakteure („Finanzialisierung“). Spekulanten, die auf steigende Preise und auf Preisschwankungen bei Agrarrohstoffen wetten, können damit große Gewinne machen. Menschen in Armut sind den extremen Schwankungen und Explosionen der Nahrungsmittelpreise schutzlos ausgeliefert. Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter stellt fest: „Ein wesentlicher Anteil des Anstiegs der Preise und der Volatilität bei wichtigen Grundnahrungsmitteln in der Nahrungsmittelkrise 2007/2008 kann nur mit der Entstehung von Spekulationsblasen erklärt werden.“ Dabei verweist er auf die Rolle großer institutioneller Investoren wie Hedgefonds, Pensionsfonds und Investmentbanken.

Allianz, Deutsche Bank & Co spielen mit Essen

Ende 2011 beauftragte Oxfam eine Schweizer Rohstoffanalystin, das Geschäft deutscher Finanzakteure mit Agrarrohstoffen zu untersuchen. Ihre und Oxfams eigene Recherchen geben einen ersten Einblick in die Aktivitäten deutscher Finanzakteure. Das Ergebnis:

1. Alle großen deutschen Banken spekulieren mit Nahrungsmitteln, egal ob Privatbanken, Genossenschaftsbanken oder Landesbanken, wie die Bayern LB und die Landesbank Baden-Württemberg.

2. Die Allianz und die Deutsche Bank sind mit Abstand die größten deutschen Akteure im Rohstoffbereich. Beide gehören durch ihre Fonds zur Gruppe der weltweit führenden Rohstoffspekulanten. In den letzten Jahren haben sie die Finanzialisierung der Nahrungsmittelmärkte – und damit die Erhöhung des Hungerrisikos für die Ärmsten dieser Welt – massiv vorangetrieben. Insgesamt investierten die für diese Studie untersuchten größten deutschen Finanzinstitute ein an Nahrungsmittelpreise gekoppeltes Anlagevermögen von 11,4 Milliarden EUR. Damit vereinigen deutsche Finanzinstitute auf sich rund ein Sechstel des von der Barclays Bank geschätzten globalen Anlagevolumens in Agrarrohstoffen von 99 Milliarden US$ (68,8 Milliarden EUR). Dies ist nur ein Näherungswert, da aufgrund der mangelnden Transparenz lediglich Schätzungen sowohl für das deutsche als auch das globale Anlagevolumen möglich sind. Bemerkenswert ist der enorme Zulauf zu den Agrarrohstoff-Fonds deutscher Finanzakteure: Das Anlagevermögen hat sich zwischen 2008 und 2011 mehr als vervierfacht. Die Entwicklung des Rohstoffgeschäfts ist noch nicht am Ende. Ganz im Gegenteil. Einige Finanzinstitute steigen jetzt erst richtig ein. So gab die Bayern LB Ende 2011 bekannt, ihr Management habe eine Zwei-Prozent-Position in Agrarrohstoff-Investmentfonds (ETFs) aufgebaut. Ein weiteres Beispiel ist die DZ Bank: Sie startete im September 2011 einen eigenen Rohstoff-Index, den DZ Bank Best Commodity, der je 12,5 Prozent Weizen und Mais enthält. Auch die Münchener Rück kündigte in ihrem Jahresbericht 2010 an, den Rohstoffanteil in ihrem Portfolio zu erhöhen.

Die Allianz: Hungerrisiko durch Risikovorsorge

Die Allianz liegt bei der Nahrungsmittelspekulation ganz vorne. Im Jahr 2011 kam das Unternehmen mit seinen fünf Rohstoff-Fonds auf ein Anlagevermögen von 18,44 Milliarden EUR, wovon geschätzte 6,24 Milliarden EUR direkt oder indirekt in Agrarrohstoffen angelegt sind. Die Fonds werden von den beiden Allianz-Töchtern Allianz Global Investors und PIMCO aufgelegt. Der PIMCO CommodityRealReturn Strategy Fund ist heute einer der größten Rohstoff-Fonds der Welt. Ende 2011 lag das Fondsvermögen bei fast 17 Milliarden EUR, davon geschätzte 5,86 Milliarden in Agrarrohstoffen. „Die Allianz hat sich ein klares Ziel gesteckt: Sie will die weltweit stärkste Finanzgemeinschaft aufbauen – und der globale Finanzdienstleister werden, der das höchste Vertrauen genießt“, so eine Unternehmenswebseite. Den Global Compact der Vereinten Nationen nennt das Unternehmen „unser Referenzsystem, an dem wir messen, wie wir unsere unternehmerische Verantwortung wahrnehmen“. Der Global Compact legt fest, dass Unternehmen den Schutz der international gültigen Menschenrechte fördern und achten sowie sicherstellen sollen, sich nicht an Menschenrechtsverletzungen zu beteiligen. Wenn aber Menschen wegen der Spekulation mit Nahrungsmitteln und wegen künstlich herbeigeführter Preissprünge hungern, wird ihr fundamentales Recht auf Nahrung verletzt. Die Geschäfte der Allianz mit dem Hunger sind unvereinbar mit ihren Verpflichtungen im Rahmen der Mitgliedschaft beim Global Compact.

Die Deutsche Bank: vielfältige Geschäfte mit dem Hunger

Die Deutsche Bank ist einer der führenden Finanzakteure im weltweiten Rohstoffhandel. Sie gehört zu den Top Ten im globalen Rohstoffinvestment-Business und ist bei börsengehandelten Agrarfonds sogar die Nummer eins. Als einer der dynamischsten Player im Rohstoffgeschäft hat das Unternehmen vor allem in den letzten drei Jahren viele neue Fonds aufgelegt. Aktuell bieten die Deutsche Bank und Tochterunternehmen wie db x-trackers und DWS weltweit mindestens 27 Fonds an, die Agrarrohstoffe beinhalten und auf steigende Preise setzen. Im Jahr 2011 betrug das Vermögen aller Fonds der Deutschen Bank, die Agrarprodukte in ihrem Rohstoffkorb haben, insgesamt 10,9 Milliarden EUR. Davon sind geschätzt 4,57 Milliarden EUR direkt oder indirekt in Agrarrohstoffen angelegt. Die Deutsche Bank wettet fast ausschließlich auf steigende Nahrungsmittelpreise. Mit aller Deutlichkeit erkennt sie an, dass damit auch die Preise auf den realen Märkten beeinflusst werden: Im offiziellen Jahresbericht 2010 ihrer US Fonds für die US-Finanzaufsicht erklärt die Deutsche Bank, dass die Preise von Rohstoffen auch durch Investitions- und Handelsaktivitäten von Investmentfonds, Hedgefonds und Rohstoff-Fonds beeinflusst werden. Auch die Deutsche Bank ist Mitglied beim Global Compact. Genau wie die Allianz hat sie sich verpflichtet, den Schutz der international gültigen Menschenrechte zu fördern, zu achten und sicherzustellen, dass sie sich nicht an Menschenrechtsverletzungen beteiligt. Genau wie die Allianz verletzt sie durch Nahrungsmittelspekulation das Recht auf Nahrung.

Mit Essen spielt man nicht! Fazit und Forderungen

Was an den Warenterminbörsen ausgehandelt wird, bestimmt die Nahrungsmittelpreise für Verbraucher/innen, die Erzeugerpreise für Bäuerinnen und Bauern sowie die Rohstoffpreise für Mühlen, Bäcker und Lebensmittelhersteller. Auch für Kleinbäuerinnen und -bauern haben Preisschwankungen fatale Folgen: Jede Investition wird zum Risiko, denn tiefe Kursstürze können in Überschuldung oder im wirtschaftlichen Ruin enden. Auf diese Weise heizt die exzessive Spekulation die Welternährungskrise an. Es ist höchste Zeit, die exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln einzudämmen. In der Verantwortung stehen an erster Stelle die Finanzakteure selbst. Wir alle, als Kundinnen und Kunden sowie als Bürgerinnen und Bürger, sind gefragt, den Handlungsdruck auf Finanzwirtschaft und Politik zu erhöhen. Am 20. Oktober 2011 legte die EU-Kommission ihre Vorschläge für eine Richtlinie (MiFID) und eine Verordnung (MiFIR) zur Finanzmarktreform vor. Darin ist der Wille, Fehlentwicklungen zu korrigieren, zwar deutlich erkennbar, jedoch besteht in einigen Bereichen dringender Nachbesserungsbedarf. Viel hängt von der Position Deutschlands als Schwergewicht in der europäischen Finanzpolitik ab. Auch angesichts der bedeutenden Rolle, die deutsche Finanzinstitute an den globalen Warenterminmärkten spielen, trägt Deutschland eine besondere Verantwortung. Die Bundesregierung muss entschieden handeln, um zukünftige Nahrungsmittelkrisen zu verhindern. Die Regulierung der Warenterminmärkte ist dafür ein unerlässlicher Schritt.

Die gesamte Studie können Sie hier herunterladen.