Dokumente zum Zeitgeschehen

»Der Tag der Einheit macht uns bewusst, was wir an einer internationalen Ordnung haben, die heute so stark angefochten ist«

Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, 3.10.2020

Die nationale Einheit 1871 wurde erzwungen, mit Eisen und Blut, nach Kriegen mit unseren Nachbarn, gestützt auf preußische Dominanz, auf Militarismus und Nationalismus. Ich selbst war erst vor wenigen Tagen im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden – ein große, eine gute Ausstellung – und von der Decke, in einer Ecke des Saales, hingen an langen Fäden zahllose Kinderbücher aus jener Zeit. In ihnen, kleine Jungen, die kaum über die Tischkante gucken konnten, aber bereits stolz die Soldatenuniform tragen und begeistert die Kriegstrommel schlagen. Diese Glorifizierung des militanten Nationalismus, diese Verherrlichung des Krieges, des Heldentodes, selbst von Kindesbeinen an, das war der unselige Geist der damaligen Epoche. Es war ein kurzer Weg von der Gründung des Kaiserreiches bis zur Katastrophe des Ersten Weltkrieges.

Wie anders dagegen die Bilder, die wir alle von der Zeitenwende vor dreißig Jahren in uns tragen. Feiernde Menschen auf der Mauer, Freudentränen, Umarmungen. Soldaten und Volkspolizisten, die ihre Waffen fallen ließen. Die Angst hatte die Seiten gewechselt. Eine Staatsmacht war ohnmächtig, weil die Menschen ihr nicht mehr folgten.

Und noch etwas war anders. Die Wiedervereinigung von 1990 wurde gerade nicht begleitet von Säbelrasseln und Eroberungskriegen. Sie wurde international verhandelt, in ein Abkommen gegossen, und eingebettet in eine europäische und internationale Friedensordnung. Generationen von Politikerinnen und Politikern hatten diese Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut, allen Rückschlägen in den langen Jahren des Kalten Krieges zum Trotz.

Wir müssen uns auch heute immer und immer wieder klar machen: Ohne die Friedensabkommen mit Polen und der damaligen Sowjetunion, ohne die völkerrechtliche Anerkennung der Oder-Neiße-Linie, ohne Helsinki-Prozess, ohne NATO, ohne Europäische Union hätte die Wiedervereinigung nicht stattgefunden. Und auch nicht ohne den Mut von Michail Gorbatschow, der bald seinen 90. Geburtstag feiern wird. Das vergessen wir nicht, und dafür sagen wir herzlich danke!

Und auch ohne die Vereinigten Staaten von Amerika, ohne ihren unverzichtbaren Einsatz für eine starke und respektierte Nachkriegsordnung, ohne ihre unbedingte Unterstützung für die europäische Integration wären wir heute nicht wiedervereint. Diesem Amerika sagen wir an diesem Tag ausdrücklich danke! Und unseren europäischen Freunden in der Nachbarschaft auch!

Ja, der Tag der Einheit macht uns bewusst, was wir an einer internationalen Ordnung haben, die heute so stark angefochten ist, leider auch in westlichen Gesellschaften. Wir Deutschen stehen zur internationalen Zusammenarbeit, auch wenn sie schwieriger geworden ist – gerade wenn sie schwieriger geworden ist: Wir wollen streiten für eine starke und faire internationale Ordnung, gemeinsam mit unseren Partnern in Europa. Auch das ist Lehre und Auftrag aus unserer Geschichte.

Die vollständige Rede finden Sie hier.