Studie des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz, 13.2.2024
Hass im Netz kann alle treffen. Aber er trifft nicht alle gleich. Fast jede zweite Person wurde schon einmal online beleidigt. Ein Viertel der Befragten wurde mit körperlicher Gewalt und ein Achtel mit sexualisierter Gewalt konfrontiert. Besonders häufig von Hass im Netz betroffen sind Personen mit sichtbarem Migrationshintergrund, junge Frauen und Menschen mit homo- und bisexueller Orientierung. Der Großteil der Befragten stimmt zu, dass der Hass im Netz in den letzten Jahren zugenommen hat. Dabei bedarf es weiterer Forschung – quantitativ wie qualitativ –, etwa zu den Fragen, was Internetnutzer*innen unter Hass im Netz verstehen und wie bzw. ob hier differenziert wird.
Die Ergebnisse zeigen auch: Der „schleichende Angriff auf unsere Demokratie“ (Geschke et al. 2019) setzt sich fort. Allerdings ist er inzwischen weniger als „schleichend“ (ebd.) zu bezeichnen. Vielmehr muss man von einem offenen und unverhohlenen Versuch sprechen, die Grundwerte und Prinzipien unserer Demokratie durch Hass im Netz systematisch zu untergraben. Dieser Angriff manifestiert sich etwa in der Verbreitung von Desinformation, der Zunahme autoritärer Einstellungen – nicht nur im rechtsextremen politischen Spektrum20 – sowie in dem Versuch, das öffentliche Vertrauen in Institutionen zu erschüttern, die von Politiker*innen, Journalist*innen oder Aktivist*innen repräsentiert werden. Dass Hass im Netz den Diskurs vergiftet und bei zahlreichen Internetnutzer*innen – nicht nur bei den Betroffenen selbst – zum Rückzug führt, konnte in der vor- liegenden Studie demonstriert werden. Der Hass ist laut, der Rückzug hingegen ist leise. Viele Nutzer*innen verlassen die Social-Media-Plattformen oder schalten sich nicht mehr in die Debatten ein. Dieser leise Rückzug ist für viele ein Weg, um mit Hass im Netz umzugehen. Es gibt viele Gründe, warum sich Nutzer*innen nicht aktiv gegen Hass im Netz positionieren – sei es wegen fehlender oder nicht bekannter Handlungsmöglichkeiten, mangelnder Kompetenzen oder aus Sorge, selbst Hass zu erfahren.
Individuell mag dies eine nachvollziehbare Reaktion sein. Gesellschaftlich ist ein solcher Befund jedoch äußerst problematisch: Wenn sich Menschen aus Angst vor Hass im Netz aus dem digitalen Raum zurückziehen, wird der Diskurs zunehmend von den Hater*innen dominiert. Es entsteht ein Teufelskreis, auf den diejenigen setzen, die Hass verbreiten. Sie wollen durch Ausgrenzung und Einschüchterung im digitalen Raum Kontrolle über den politischen Diskurs gewinnen. Die Grenzen zwischen digitalem und analogem politischem Diskurs sind dabei fließend. Hass wird als Instrument genutzt, um den Diskurs immer weiter nach rechts zu verschieben und so diese Sichtweisen zu normalisieren (Rieger 2019). Wird dabei berücksichtigt, dass Erfahrungen von Hass im Netz nicht alle gleich treffen, sondern vor allem Frauen sowie diskriminierte und marginalisierte Gruppen betroffen sind, wird deutlich, dass gerade die Stimmen verstummen, die vielfältige Perspektiven in unseren demokratischen Diskurs bringen.
Das wird nicht zuletzt in den zahlreichen anstehenden Wahlkämpfen im Jahr 2024 entscheidend sein. Insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern, in denen gewählt wird, stehen Kandidierende aus dem rechtsextremen und völkisch-nationalistischen Spektrum zur Wahl, die dafür bekannt sind, Hass und Hetze zu verbreiten und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Es ist wichtiger denn je, sich für den Schutz und die Stärkung unserer demokratischen Prozesse einzusetzen. Hier wird der digitale Raum eine herausgehobene Rolle spielen. Klar ist aber auch: Allein die Gegenrede aller Demokrat*innen wird nicht ausreichen. Vor allem der Gesetzgeber muss aktiv werden und die Rahmenbedingungen für Betroffene und alle Internetnutzer*innen besser gestalten.
Die vollständige Studie finden Sie hier.