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»Reiche Rentner leben länger«

Bericht des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, 15.10.2013

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt seit Jahren. Profitieren können alle Bürger von diesem Anstieg – aber nicht gleichermaßen: Im Jahr 2008 etwa durften einkommensstarke 65-Jährige noch mit einer weiteren Lebenszeit von 20 Jahren rechnen. Ihren Altersgenossen mit sehr niedrigen Renten dagegen blieben nicht einmal mehr 15 Jahre.

 Wer gut verdient hat und eine hohe Rente bezieht, konnte diese Mitte der 90er Jahre gut drei Jahre (Westdeutschland) beziehungsweise sogar dreieinhalb Jahre (Ostdeutschland) länger genießen als Männer, die eine niedrige Rente bekamen. Und diese ohnehin schon erheblichen Unterschiede vergrößerten sich in den vergangenen Jahren sogar noch: Bis zum Jahr 2008 stieg der Abstand zwischen den beiden Gruppen im Westen um eineinhalb Jahre auf 4,8 Jahre und im Osten sogar um zwei Jahre auf 5,6 Jahre (vgl. Abb. 1 und 2). Das heißt, 65-Jährige mit sehr kleinen Renten durften im Jahr 2008 mit einer Lebenserwartung von 79,8 Jahren rechnen. Für gleichaltrige Rentner mit hohen Bezügen ergab sich dagegen eine Lebenserwartung von 84,3 Jahren.

Frauen wurden bei der Analyse ausgeschlossen, weil sich ihr Einkommen nur schwer ermitteln lässt. Denn zumindest in Westdeutschland speist es sich oft nicht nur aus eigenen Einkünften, sondern zum Teil aus dem Gehalt und der Rente des Ehemannes. Auch Männer mit Migrationshintergrund oder Ausländer wurden nicht berücksichtigt, weil sie oft eine unvollständige Erwerbsbiografie haben.

Die verbleibenden Rentner teilten die Demografen nach den Rentenpunkten ein, die sie im Laufe ihres Erwerbslebens gesammelt hatten (s. Glossar). Von den sechs Einkommensgruppen zogen sie die Gruppe mit den niedrigsten Renten (30 bis 39 Rentenpunkte) sowie die Gruppe mit den höchsten Renten (über 65 Rentenpunkte) für ihren Vergleich heran. Außerdem verglichen sie Arbeiter mit Angestellten. Um die Sterblichkeit dieser vier Gruppen gegenüberstellen zu können, wählten die Forscher zwei verschiedene Maßeinheiten: Sie prüften, wie hoch die Sterberate in den jeweiligen Gruppen pro Jahr war (vgl. Tab. 1). Und sie ermittelten die verbleibende Lebenserwartung der 65-Jährigen (vgl. Abb. 1).

Das Ergebnis ist eindeutig: In allen untersuchten Zeiträumen haben einkommensschwache Rentner die höchste, einkommensstarke Rentner die niedrigste Sterblichkeit. Mit der Zeit wurden die Unterschiede bei den Sterberaten und der Lebenserwartung ab 65 Jahren sogar noch größer. Vor allem ab Mitte der 90er Jahre zeigt sich, dass die Lebenserwartung einkommensschwacher Rentner verhältnismäßig langsam ansteigt. Innerhalb weniger Jahre wächst der Abstand auf die Lebenserwartung von besser gestellten Rentnern gleich um mehrere Monate.  Ab der Jahrtausendwende verlangsamt sich dieser Trend in Westdeutschland ein wenig. In Ostdeutschland dagegen steigt die Lebenserwartung der 65-Jährigen mit hohem Einkommen bis 2002 außergewöhnlich rapide an. Ihre Sterblichkeit war sogar entgegen dem allgemeinen Ost-West-Gefälle geringer als die der einkommensstarken Rentner in Westdeutschland. Damit müssen sie, so schlussfolgern die Autoren, auch einen maßgeblichen Anteil an dem enormen Wachstum der Lebenserwartung in Ostdeutschland nach der Wende und dem starken Rückgang des Ost-West-Gefälles gehabt haben.Nimmt die Kluft zwischen Arm und Reich damit zu? Sinkt die Lebenserwartung sozial niedriger Schichten vielleicht sogar? Fragen, die immer wieder auftauchen und auf die es oft schnelle, nicht immer richtige Antworten gegeben hat. Eine Studie des Rostocker Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) hat hierzu nun umfangreiche Daten der deutschen Rentenver-sicherung ausgewertet, die 86 Prozent der männlichen Bevölkerung erfassen. Vladimir Shkolnikov und Domantas Jasilionis vom MPIDR sowie Eva Kibele vom Zentrum für Bevölkerungsforschung an der Universität Groningen konnten in dieser Studie zeigen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung zwar in allen Schichten steigt, bei Männern mit sehr niedrigen Renten aber wesentlich langsamer als bei besser gestellten Altersgenossen. 

Die gesamte Studie finden Sie hier.