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»Verklagen Sie auch uns!«

Offener Brief des wissenschaftlichen Beirats von Attac an Klaus Zimmermann, den Direktor des Bonner Instituts für die Zukunft der Arbeit, 16.5.2014

Sehr geehrter Herr Professor Zimmermann,

Sie haben Werner Rügemer auf Unterlassung von Behauptungen verklagt, die sorgfältig recherchiert und sachgerecht interpretiert worden sind und Ihnen offenbar nicht passen, weil der Autor die "Unabhängigkeit" des Instituts Zukunft der Arbeit, dessen geschäftsführender Direktor Sie sind, und die Seriosität der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts in Frage stellt und seine Tätigkeit als eine neue Form des Lobbyismus darstellt. Das alles wird in Werner Rügemers Darstellung wohlbegründet und es werden einige Konsequenzen für die Wissenschaft und für die Demokratie aufgezeigt.

Wir teilen Werner Rügemers Darlegungen und sind gern bereit, dies in der Öffentlichkeit zu bezeugen. Ziehen Sie ihre Klage gegen Werner Rügemer zurück oder verklagen Sie auch uns, wenn Ihnen die wissenschaftlichen Argumente fehlen und Sie eine Auseinandersetzung im Terrain der Paragraphen erzwingen wollen.

Sie sind Professor und somit als jemand, der etwas zu "bekennen" hat, eigentlich der Wahrheit verpflichtet. Diese Moral bindet Sie nicht. Man kann über wissenschaftlich begründete Aussagen streiten; aber bitte in wissenschaftlichen Diskursen und nicht vor Gericht. Es geht Ihnen offenbar nicht um den wissenschaftlichen Streit über – in diesem Fall – die Folgen neoliberaler Politikempfehlungen für Arbeitsplätze und Lebensbedingungen vor allem jener Menschen, die von ihrer Arbeit leben, für die Einkommens- und Vermögensverteilung in den Ländern der EU oder über die fatale Rolle, die mit viel Geld ausgestattete Institute in der Politikberatung spielen. Es geht Ihnen um Rechthaberei. Sie wollen sich durch ein Gericht und nicht etwa durch argumentative Überzeugung und möglicherweise auch durch Peers wie es im Wissenschaftssystem üblich ist, Ihre einer bestimmten Tendenz verpflichtete Sicht der Dinge bestätigen lassen und Kritik daran unterbinden.

Das geht an den Kern der Wissenschafts- und Meinungsfreiheit, das verhindert die Offenheit im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess, das ist die Durchsetzung einer arbeitgeber- und unternehmerfreundlichen Tendenz im neutralen Gewand angeblich unabhängiger wissenschaftlicher Forschung, das ist die Absage an den Pluralismus in Forschung und Lehre, das planiert das Terrain für die Durchsetzung von Kapitalinteressen.

Werner Rügemer hat dies im Einvernehmen mit vielen anderen, die sich mit der Schnittstelle zwischen Kapitalinteressen und Wissenschaft befassen, als "indirektes lobbying" bzw. als "deep lobbying" bezeichnet, das inzwischen verbreitete Praxis ist, so dass es schon zu spät ist, um den Anfängen noch wehren zu können. Daher sind wir umso mehr verpflichtet, wenigstens den schlimmsten Auswüchsen entgegenzutreten.

Wir haben uns spontan nach Bekanntwerden Ihrer Klage und des Ergebnisses des ersten Gerichtstermins vom 9. Mai 2014 vor dem Landgericht Hamburg der Aufforderung an Sie, Herr Zimmermann, angeschlossen, uns, die Unterzeichnenden, ebenfalls zu verklagen, wenn Sie die Klage gegen Werner Rügemer aufrecht erhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Unterzeichnerinnen und Unterzeichner (im Zeitraum vom 11. bis 15.5. 2014)

1. Prof. Dr. Elmar Altvater, Berlin 2. Dr. Günter Berg, Berlin 3. Prof. Dr. Armin Bernhard, Duisburg-Essen 4. Prof. Dr. Hans-Jürgen Bieling, Tübingen 5. Prof. Dr. Ulrich Brand, Wien 6. Prof. Dr. Claudia von Braunmühl, Berlin 7. Dr. Achim Brunnengräber, Berlin 8. Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Köln 9. Dr. Christian Christen, Berlin 10. Prof. Dr. Alex Demirovic, Frankfurt a. M. und Basel 11. Prof. Dr. Klaus Dörre, Jena 12. Prof. Dr. Ulrich Duchrow, Heidelberg 13. Prof. Dr. Heide Gerstenberger, Bremen 14. Prof. Dr. Peter Grottian, Berlin 15. Prof. Dr. Andreas Fisahn, Bielefeld 16. Prof. Dr. Frigga Haug, La Palma 17. Prof. Dr. Wolf Fritz Haug, La Palma 18. Prof. Dr. Clemens Knobloch, Siegen 19. Dr. Lydia Krüger, Berlin 20. Prof. Dr. Michael Hartmann, Darmstadt 21. Prof. Dr. Peter Herrmann, Rom 22. Dr. Harald Klimenta, Regensburg 23. Prof. Dr. Hans Jürgen Krysmanski, Münster 24. Prof. Dr. Stephan Lessenich, Jena 25. Prof. Dr. Ingrid Lohmann, Hamburg 26. Prof. Dr. Birgit Mahnkopf, Berlin 27. Prof. Dr. Klaus Meschkat, Hannover 28. Prof. Dr. Mohssen Massarrat, Berlin 29. Prof. Dr. Lutz Mez, Berlin 30. Dr. Wolfgang Neef, Berlin 31. Dr. Silke Ötsch, Innsbruck 32. Tobias Pflüger, Tübingen 33. PD Dr. Ralf Ptak, Köln 34. Dr. Oliver Pye, Bonn 35. apl. Prof. Dr. Niko Paech, Oldenburg 36. Prof. Dr. Urs Müller-Plantenberg, Berlin 37. Prof. Dr. Rainer Rilling, Marburg 38. Prof. Dr. Roland Roth, Magdeburg 39. Dr. Thomas Sablowski, Berlin 40. Prof. Dr. Thomas Sauer, Jena 41. Prof. Dr. Christoph Scherrer, Kassel 42. Prof. Dr. Jürgen Schutte, Berlin 43. Gerd Siebecke, Hamburg 44. Eric Sons, Hamburg 45. Prof. Dr. Gerd Steffens, Wedel 46. Dr. Fritz Storim, Bremen 47. Peter Strotmann, Berlin 48. PD Dr. Heike Walk, Berlin 49. Professor Dr. Isidor Wallimann, Hamburg 50. Prof. Dr. Christa Wichterich, Kassel 51. Prof. Dr. Frieder Otto Wolf, Berlin 52. Dr. Winfried Wolf, Berlin 53. Prof. Dr. Beate Zimpelmann, Bremen

Den Aufruf finden Sie zudem hier.