Michel Friedmans Rede bei den Bayreuther Festspielen, 26.7.2026
Sechs Jahre nach der Befreiung von Hitler und von Auschwitz, sechs Jahre danach eröffnet sich hier wieder das Leben, die Festspiele. Wolfgang und Wieland Wagner schreiben den Gästen, die hier kommen und der Musik zuhören wollen. Ich zitiere: «Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele bitten wir, von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen. Hier gilt die Kunst. Die Festspielleitung, gezeichnet Wieland Wagner, Wolfgang Wagner. » Das wünschten sich nicht nur die Wagners. Darf ich es noch mal herausziehen? «Bitten wir von Gesprächen und Debatten politischer Art in der Bundesrepublik Deutschland freundlich absehen zu wollen. »
Mein Name ist Michel Friedman. Meine Eltern sind in Polen geboren. Polnische Juden. Ich bin in Paris geboren. Französische Juden. Mit zehn Jahren bin ich im Jahre 1966 in Frankfurt am Main angekommen. Naziland. Ich hatte einen Chemielehrer, sein Finger war abgeschossen. Jedes Mal, wenn er die Stunde eröffnete, sagte er: „Ich bin stolz, meinen Finger für den Führer verloren zu haben.“ Er blieb Lehrer bis zur Pensionierung. Wie viele? Wie viele Anwälte, Staatsanwälte, Politiker, Richter, Verwaltungsbeamte, Menschen, die ein prosperierendes Geschäft hatten? Und wenn man ein bisschen nachfragte, war Schweigen.
Ich habe noch nie Angst vor der Vielfalt des Menschen gehabt. Wenn ich vor etwas Angst habe, dann vor seiner Einfalt. 50 Menschen aus meiner Familie sind ermordet worden. Von Deutschen. Deutschen Nazis. Meine Mutter, mein Vater und meine Großmutter sind aber von einem Deutschen gerettet worden, Oskar Schindler. Nicht nur dafür bin ich ihm dankbar. Ich bin auch dankbar, dass, weil er als Deutscher meine Eltern gerettet hat, ich nie mehr von „den Deutschen“ sprechen kann.
Und ich kann jedem nur raten, „die Deutschen“, „die Juden“, die, die, die reflektiert aus dem Wortschatz herauszunehmen und zu begreifen: Die gibt es nicht. Es gibt jeden einzelnen Menschen.
Die vollständige Rede finden Sie hier.