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»Zur sachlichen und fundierten Diskussion zurückkehren!«

Stellungnahme zur Kritik an Reinhard Piechocki, 17.3.2020

Erklärung zu

Hans-Gerd Marian/Michael Müller: Der Kampf um Lebensraum. Braune Ideologen im Umwelt- und Naturschutz, in: »Blätter«, 2/2020, S. 83-91.

Die Autoren, der ehemalige Bundesgeschäftsführer von NaturFreunde. Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport & Kultur, Hans-Gerd Marian, und der Bundesvorsitzende dieses Verbands, Michael Müller, u. a. 2005 bis 2009 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, haben einen Aufsatz veröffentlicht, der den Eindruck zu erwecken sucht, bis heute sei die ‚braune’ Vergangenheit im amtlichen und ehrenamtlichen Naturschutz in Deutschland kaum aufgearbeitet, werde immer noch verharmlost und in ‚skandalösen Fällen’ übergangen oder sogar bewusst ausgeblendet.  

Diese Darstellung ist fachlich schlichtweg unhaltbar und politisch unverantwortlich.

In dem Aufsatz wird aus der inzwischen sehr umfangreichen Forschungsliteratur zur Geschichte des Naturschutzes und insbesondere zum Naturschutz in der NS-Zeit ein einziger Aufsatz zitiert und eine große Buchpublikation lediglich nebenbei – und, fachlich unangemessen, gönnerhaft –erwähnt. Außerdem wird dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) vorgeworfen, es spiele bei dieser Aufarbeitung eines schwer belastenden Erbes im Naturschutz eine „problematische Rolle“, indem es nicht klar Stellung beziehe. Die Stiftung Naturschutzgeschichte, in der intensiv gerade zum Naturschutz im Nationalsozialismus und zu den Kontinuitäten bis weit in die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik gearbeitet wird  – mehrere wichtige Publikationen zum Thema sind dort erschienen, Ausstellungen und Veranstaltungen organisiert worden –, ist in dem Aufsatz nur als ‚Begutachtungsinstanz’ einmal kurz erwähnt. Die Autoren haben sich schon durch diese Negation der Forschungslage sowie der Aktivitäten des BfN und der Stiftung Naturschutzgeschichte wissenschaftlich und publizistisch disqualifiziert.

Nicht genug damit, wird PD Reinhard Piechocki, früherer Mitarbeiter des BfN auf der Insel Vilm, persönlich angegriffen. Behauptet wird unter anderem, dass in seinem Aufsatz ‚Zur Verwissenschaftlichung des Naturschutzes (1900 – 1980)’  der Zeitschrift ‚Natur und Landschaft’ von 2016 „führende Nazis als große Naturschützer gewürdigt“ würden und „kein hinreichendes Wissen“ über die Verstrickungen des Naturschutzes in das NS-System bestehe. Zudem habe sich das BfN nicht vom Text distanziert, und die Zeitschrift NuL habe auch schon früher immer wieder an der Verharmlosung der ‚braunen’ Vergangenheit des Naturschutzes teilgehabt.

Diese Darstellung ist gegenüber dem BfN und der Zeitschrift völlig inakzeptabel und gegenüber dem Autor Reinhard Piechocki schlichtweg infam. Piechocki gehört zu den wichtigen Autoren für die Ideen- und Kulturgeschichte des Naturschutzes, er hat sich immer wieder direkt und kritisch mit den Entwicklungen des Naturschutzes in der NS-Ära und der Nachkriegszeit auseinandergesetzt, er hat die jährliche Sommerakademie der Internationalen Naturschutzakademie auf Vilm mit gegründet, die Mal um Mal Themen zum Naturschutz im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Entwicklungen aufgreift. Mehr noch: Piechocki schreibt und forscht seit vielen Jahren zum Schicksal von KZ-Häftlingen in den Lagern und darüber hinaus, er hat viel beachtete Bücher und Artikel zu Überlebenden, zur Indienstnahme des ‚kulturellen Erbes’ im Faschismus, zu ermordeten, vergessenen und unbekannten Künstlern publiziert. Ihm zu unterstellen, er sei ein Verharmloser oder gar Leugner ‚rechten Denkens’ unter anderem im Naturschutz, ja er leiste einem Wiedererstarken faschistischer Ideologie Vorschub, ist nicht nur abwegig, es ist eine schiere und und an Niedertracht grenzende, bewusste Rufschädigung, die her zu aktuellen Diskursformen der politischen Rechten passen würde..

Man kann an Piechockis Artikel, wie an vielen anderen Veröffentlichungen zum Thema, manches kritisieren, solange man sachlich und genau bleibt und nicht mit Unterstellungen, Falschaussagen und Diffamierungen arbeitet, wie die beiden Autoren es tun.

Naturschutz auch als eine politische und kulturelle Aufgabe zu verstehen, ist richtig und nötig – gerade auch im Hinblick auf die Versuche der Rechten, "Natur- und Heimatschutz" für sich zu beanspruchen. Aber es ist völlig kontraproduktiv, wenn Vdertreter einer bestimmten Organisation im Naturschutzbereich diese richtige und nötige Aufgabe für sich reklamieren und andere Akteure und Instanzen, die nachweislich in gleicher Absicht tätig sind, sachwidrig denunzieren. Der Artikel von Marian und Müller stellt, mit falschen Behauptungen, irreführenden Angaben und dekontextulisierten Zitaten, mit übler Nachrede und regelrechten Verleumdungen, zudem offenbar ohne Kenntnis der inzwischen breiten wissenschaftlichen Literatur und der Bemühungen von BfN und Stiftung Naturschutzgeschichte, ein schlimmes Beispiel für politische 'Stimmungsmache' und verantwortungslose Polemik dar. So kommen die Wissenschaften, die kritische aufgeklärte Zivilgesellschaft, die Öffentlichkeit und die beteiligten Institutionen in Sachen 'Naturschutz als politische Aufgabe' nicht produktiv weiter.

Prof. emer. Dr. Ludwig Fischer, Literaturwissenschaftler, Naturtheoretiker, Schriftsteller

(u.a. Mitherausgeber von "Landwirtschaft und Naturschutz", 2002; "Projektionsfläche Natur", 2004; Autor für "Naturschutz und Nationalsozialismus",2003; "Kontinuitäten im Naturschutz", 2014; Autor von "Natur im Sinn. Naturwahrnehmung und Literatur", 2019)

Sowie folgende Mitunterzeichner:

  • Leit.Min.Rat. a.D. Wilhelm Bode, Jurist und Forstexperte, Stralsund (Autor der Bücher Waldwende, 1994; sowie „Jagdwende", 2000; mit Aufarbeitung der NS-Zeit)
  • PD Dr. Nils M. Franke, Umwelt- und Naturschutzhistoriker, Universität Leipzig. (u.a. Autor von „Naturschutz gegen Rechtsextremismus.– eine Argumentationshilfe", 2012; „Klartext gegen rechtsextreme Ökosprüche", 2014; „Der Westwall in der Landschaft. Aktivitäten des Naturschutzes in der Zeit des Nationalsozialismus und seine Akteure", 2015)
  • Dr. Hans-Werner Frohn, wissenschaftlicher Leiter Stiftung Naturschutzgeschichte, Bonn (u.a. Autor, mit Friedemann Schmoll: „Natur und Staat. Staatlicher Naturschutz in Deutschland 1906-2006", 2006; Herausgeber und Mitautor „Zum Umgang mit der NS-Vergangenheit im Naturschutz", 2019; bbn-online: „Naturschutz, starke Männer und völkische Ideologie", 2019)
  • Dr. Michael C. Funke, Organisationsberater und Coach, Leipzig (u.a. Mitwirkung am Bundesprogramm "Demokratie leben!")
  • Prof. Dr. Dr. Martin Gorke, Biologe und Philosoph, Lehrstuhl für Umweltethik, Greifswald (Autor des Buches „Artensterben: Von der ökologischen Theorie zum Eigenwert der Natur", 1999).
  • Prof. Dr. Hans-Dieter Knapp, Vegetationskundler und Naturschützer, Kasnevitz (mit M. Succow u.  L. Jeschke: „Naturschutz in Deutschland: Rückblicke - Einblicke – Ausblicke", 2013) #
  • Prof. Dr. Stephan Körner, Landschaftsbau und Landschaftsmanagement, Univ. Kassel (u.a. Autor von: „Der Aufbruch der modernen Landschaftsplanung in der nationalso­zia­li­stischen Landespflege", 1995; „Das Heimische und das Fremde", 2000; mit A. Nagel und U. Eisel „Naturschutzbegründungen", 2003; „Landschaftsentwicklung als kulturelle Aufgabe", 2009)
  • Dr. Ulrich Meßner, Leiter des Nationalparkamtes Müritz, Speck
  • Kurt Meyer, Pädagoge und Buchautor, Rotenburg („Geweint wird, wenn der Kopf ab ist. Annäherungen an meinen Vater „Panzermeyer" – Generalmajor der Waffen-SS" ), überarbeitete und erweiterte Neuauflage 2017; zahlreiche Vorträge zur NS-Geschichte)
  • Prof. Dr. Konrad Ott, Universität Kiel, Philosoph und Ethiker, Greifswald (u.a. Autor: „Spektrum der Umweltethik", 2000; mit R. Döring: „Theorie und Praxis starker Nachhaltigkeit", 2011; Mitorganisator der Vilmer Sommerakademien für Grundsatzfragen des Naturschutzes)
  • Prof. emer. Dr. Dr. h. c. mult. Angelika Ploeger, Ökol. Agrarwissenschaften, Univ. Kassel.
  • Prof. Dr. Thomas Potthast, Biologe und Philosoph, Universität Tübingen (u.a. Autor für die Bände "Naturschutz und Nationalsozialismus", 2003,  sowie "Natur und Staat: Staatlicher Naturschutz in Deutschland  1906-2006", 2006; Co-Organisator der Vilmer Sommerakademien für  Grundsatzfragen des Naturschutzes)
  • Prof. Dr. h.c. Dieter Schenk, Kriminologe und Historiker, Honorarprofessor in Lodz (u.a. Autor: „Auf dem rechten Auge blind – Die braunen Wurzeln des BKA", 2003; „Hans Frank. Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur", 2006; „Der Lemberger Professorenmord und der Holocaust in Ostgalizien" 2007 )
  • MinR Heinrich Spanier, Vorstandsmitglied der Stiftung Naturschutzgeschichte, seinerzeit zuständiger Referatsleiter im BMU (Betreuer des Projektes „Naturschutz und Nationalsozialismus" 2003; Autor zahlreicher Artikel zur Naturschutzgeschichte, u.a. „Kulturelle Aspekte von Naturschutz und Naturauffassungen" In: Natur zwischen Wandel und Veränderung, 2012).
  • Prof. emer. Dr. Dr. h. c. mult. Hartmut Vogtmann, Ökolandbau und Naturschutz (Präsident des DNR von 2012-2015, Präsident des Bundesamtes für Naturschutz von 2000-2007)
  • Dr. Norbert Wiersbinski, bis 2015 Stellv. Leiter der Naturschutzakademie Vilm (u.a. Betreuer des Projektes „Naturschutz und Rechtsradikalismus", 2012 – 2015)