Ausgabe Februar 1990

Erklärungen des französischen Präsidenten Francois Mitterand zur Deutschen Frage

Begegnungen [.....]in Leipzig am 21. Dezember 1989, Pressekonferenz nach dem Staatsbesuch in der DDR, Berlin, 22. Dezember 1989

Die nachfolgend auszugsweise dokumentierten „Erklärungen des französischen Staatspräsidenten zur Deutschen Frage" veröffentlichte die französische Botschaft in Bonn am 4. Januar 1990, zwei Wochen nach Mitterrands Staatsbesuch in der DDR. D. Red.

1. Begegnung mit Studenten, Intellektuellen und Künstlern an der Karl-Marx-Universität in Leipzig am 21. Dezember 1989 (Auszüge)

Frangois Mitterrands Antwort auf eine Frage zur deutschen Einheit:

Meine Position ist ganz einfach. Erstens, die Einheit in der einen oder anderen Form - wir werden gleich noch darüber sprechen —, die Einheit der Deutschen betrifft zunächst die Deutschen. Nur freie, offene, demokratische Wahlen werden erlauben, genau zu wissen, was die Deutschen auf beiden Seiten wollen. Man muß zuerst durch diese Probe, die eine gute Probe ist, bevor man für die Deutschen entscheidet. Sie müssen sagen, was sie wollen.

Sicher, es gibt viele Demonstrationen, die zu zeigen scheinen, was sie wollen. Aber sie müssen sich in freien und geheimen Wahlen demokratisch ausdrücken. Zur Zeit gibt es zwei Staaten. Diese beiden Staaten haben eine souveräne Existenz. Jeder der beiden ist sein eigener Herr, weil er seinen Willen ausdrückt oder, davon geht man ja aus, den Willen einer Nation, eines Volkes ausdrückt. Man kann nicht mit einem Strich die europäische Realität auslöschen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Das ist nicht Ihr Fehler, das ist nicht meiner, aber es ist so.

Es ist also eine gewisse Ordnung — wenn man das so nennen kann — in Europa entstanden, um zwei Militärbündnisse herum, mit einem Gleichgewicht zwischen diesen beiden Bündnissen und auf der Grundlage von Grenzen, die durch internationale Abkommen zu Protokoll genommen und bekräftigt wurden, von denen die letzten die Abkommen von Helsinki von vor 14 Jahren sind.

Wenn man beginnt, die Grenzen hier anzurühren, so wird fast überall Bewegung aufkommen. Zwar glaube ich, daß die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten anders ist als die Grenzen anderswo, weil sie innerhalb eines Volkes und nicht zwischen zwei verschiedenen Völkern gezogen wurde wie im allgemeinen im übrigen Europa, auch wenn diese Grenzen nicht immer gerecht sind. Sie kennen die Forderungen zum Beispiel in Siebenbürgen, in der Moldau. Sie kennen die Forderungen der baltischen Länder. Sie kennen die Forderungen, die gegenüber Polen erhoben wurden. Bevor man dieses zerbrechliche Gebäude anrührt, muß man, wenn man den Frieden bewahren will, einen kühlen Kopf behalten. Man hat das Recht, mit Leidenschaft und Hoffnung zu handeln, aber man muß doch wieder eine gewisse Dosis Vernunft hineinbringen. Ich sage also, die deutsche Einheit hängt zuerst wesentlich vom deutschen Volk ab. Wenn das deutsche Volk entscheidet, daß es so sein soll, wird Frankreich sich dem nicht entgegenstellen. [...]

 

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