Ausgabe Februar 1990

Chronik des Zeitgeschehens

Chronik vom 4. Dezember 1989 bis 5. Januar 1990

4.12. - W a r s c h a u e r V e r t r a g. KPdSU-Generalsekretär Gorbatschow unterrichtet in Moskau die führenden Repräsentanten der Teilnehmerstaaten über seine vorangegangenen Gespräche mit US-Präsident Bush (vgl. "Blätter", 1/1990, S. 6).

Hauptaufsätze

Angst vor Rapallo

"Niemand sagt die Wahrheit", klagte A.M. Rosenthal, ehemals Chefredakteur der "New York Times" im Frühjahr 1989. Es ging, wieder einmal, um deutsch-amerikanische Querelen - um Streitereien, wie sie seit den frühen 80er Jahren auffallend oft und in ungewohnter Schärfe ausgetragen werden.

Warnung vor Kurzschlüssen

Die sich überstürzenden Ereignisse in den sozialistischen Staaten des Ostblocks, insbesondere in der DDR, lassen viele fragen: Hat nicht das "Volk" den Sozialismus auf den "Müllhaufen der Geschichte" geworfen und muß man sich nicht spätestens jetzt einreihen in die große Front derer, die das schon immer kommen sahen?

Brandgefahr bei Tauwetter

Ende Dezember vergangenen Jahres gab der amtierende griechische Außenminister Antonis Samaras, wohl unter dem Eindruck des Machtwechsels in Rumänien, in einer öffentlichen Erklärung der Hoffnung Ausdruck, seine Landsleute in Albanien möchten schon bald auf die gleiche Weise "Weihnachten feiern" wie heute die Rumänen.

Gib Gas, Ich will Spaß

Lange Zeit galt die Autoindustrie als Wachstumsbranche par excellence, das Auto selbst als unverzichtbares Statussymbol und Ausdruck auslebbarer individueller Freiheiten.

Medienkritik

Die Fernsehrevolution

"Die Zukunft unserer Erinnerungen wird das Fernsehen sein." (Klaus Kreimeier in epd-F i l m) Die Umwälzungen in den osteuropäischen Staaten, allen voran der DDR, haben offenbart, wie sehr wir nicht nur unsere Informationen, sondern auch unseren Erlebnis-Vorrat aus dem Fernseh-Gedächtnis speisen.

Dokumente zum Zeitgeschehen

Wider Vereinigung: Erklärung der Hundert

Unter dem Titel „Wider Vereinigung "planen die Initiatoren der nachstehenden Erklärung, die am 6. Dezember 1989 gleichzeitig in der „Frankfurter Rundschau" und in der „Leipziger Volkszeitung" erschienen ist, für den 6. Februar 1990 eine Podiumsdiskussion in Köln.

Deutsch-deutsches Sicherheitsmodell 2000

Auf einer Tagung des Parteivorstandes der SED-PDS legte Gregor Gysi am 6.1.1990 den nachstehenden, international beachteten Vorschlag vor, die beiden deutschen Staaten sollten in der vorgesehenen "Vertragsgemeinschaft" kooperative Sicherheitsstrukturen vereinbaren. D. Red.

Die Chancen offener Zweitstaatlichkeit

1. Der Weg der konsequenten Erneuerung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR, aufbauend auf der gleichberechtigten Zusammenarbeit aller Interessengruppen, auf einer freien selbstbestimmten Entwicklung des Menschen, ist der Weg zur Wahrnehmung des Selbstbestimmungsrechtes des Volkes der DDR.

Ausführungen des sowjetischen Außenministers Schewardnadse zur Deutschen Frage Rede vor dem Politischen Ausschuß des Europäischen Parlaments in Brüssel am 19. Dezember 1989 (Auszug)

(...) Wir sind für die weitere friedliche Zusammenarbeit zwischen der DDR und der BRD auf den Grundlagen der Achtung der Gleichheit und der Souveränität der beiden deutschen Staaten. Was die Zukunft angeht, so wird sie im Verlauf der Geschichte im Rahmen der Entwicklung des gesamteuropäischen Prozesses entschieden.

Editorial

In eigener Sache

Die Weiterführung der "Blätter", jetzt im Eigenverlag der Redaktion, hat eine ermutigende Resonanz gefunden. Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich für die vielen Briefe bedanken, die der Redaktion in den vergangenen Wochen zugegangen sind.

Wirtschaftsinformation

Prognosen und wirtschaftliche Entwicklung 1989 und 1990

Wieder einmal haben die Prognosen die Realität der wirtschaftlichen Entwicklung zu skeptisch eingeschätzt: Es ist 1989 in der Bundesrepublik nicht zu der erwarteten konjunkturellen Verlangsamung gekommen. Das Wachstum des Bruttosozialprodukts (BSP) hat sich sogar weiter beschleunigt, was allerdings auch zusätzlichen Kapitalerträgen aus dem Ausland zu verdanken ist.

Kommentare

Von Ceaucescu zu Illiescu

Möglicherweise wird die rumänische Revolution dieses Winters nicht nur wegen ihrer tragischen Begleitumstände in die Geschichte eingehen. Auch die Art und Weise, wie sie sich vor den Augen der Öffentlichkeit, vor Rundfunkmikrofonen und Fernsehkameras vollzog, ist bisher in der Geschichte einmalig.

Dinner mit Noriega

Im August 1989 lud die Panamaische Revolutionäre Demokratische Partei (PRD) mich und andere Forscher zur Teilnahme an einem Seminar über Kriegführung mit geringer Intensität ein. Am dritten Abend wohnten wir einem Empfang im Omar-Torrijos-Haus bei. Heute ist die einstige Residenz des Generals, der die Streitkräfte Panamas 1969 an die Macht führte, ein Museum.

Massenmord und Staatsräson

"Beim Blick in den Glaskasten, der die Schädel von unschuldigen Kambodschanern enthält, die vom Pol Pot-Regime umgebracht wurden, sah ich meine eigenen Gedanken. Völkermord muß verurteilt werden, wann immer und wo immer er geschieht oder es wird wieder geschehen. Der Welt darf nicht erlaubt werden, die Verbrechen Pol Pots zu vergessen.

Ein bißchen Perestroika auch in den USA

Trotz der hohen Popularität von US-Präsident Bush und der satten Selbstgefälligkeit der Republikaner sei eine optimistische These gewagt: Es gibt guten Grund zu der Hoffnung, daß links-reformerische Bewegungen in den 90er Jahren stärkeren Einfluß auf den politischen Entscheidungsprozeß der USA nehmen werden.

Nach Pinochet

Der Triumph des Präsidentschaftskandidaten der vereinten Opposition - der 17-Parteien-Koalition der "Concertaci¢n de los Partidos por la Democracia" - stand seit Monaten außer Zweifel. Der neue Staatschef, der 71jährige Christdemokrat Patricio Aylwin, wird wie vorgesehen am 11. März sein Amt antreten.

Streitkultur