Jubel ist ausgebrochen bei der Bush-Administration, ihren Verbündeten und den Regierungen in Lateinamerika. Was der jahrelange Contra-Krieg auf direktem Wege nicht zustande brachte, die Beseitigung des für die Vereinigten Staaten und die herrschenden Eliten Lateinamerikas so gefährlichen, revolutionären sandinistischen Projekts, haben die Wahlen geschafft. Welche Personen sich womöglich zukünftig in den Regierungssesseln breit machen werden, um das Rad der revolutionären Geschichte in ihrem Sinne zurückzudrehen, übersieht man geflissentlich in der weltweit entfachten Euphorie darüber, daß zum ersten Mal in der Geschichte eine revolutionäre Regierung bereit war, in „freien Wahlen" die Regierungsmacht abzugeben. Die USA zollen ihren verhaßten Feinden, den Sandinisten, Lob und Anerkennung, wie frei und demokratisch doch die Wahlen verlaufen seien. Der Tenor der Stellungnahme seitens der sowjetischen Regierung unterscheidet sich diesbezüglich nur geringfügig. Und auch Ludger Volmer von den Grünen erliegt als Mitglied der bundesdeutschen Wahlbeobachtungsdelegation leider dem Irrtum, daß der Wahlsieg von Violeta Chamorro als Ergebnis der freiesten Wahlen, die es jemals in Lateinamerika gegeben habe, anzuerkennen sei.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.