Ausgabe November 1991

Die geteilte Vergangenheit

Geschichte als Politik

In 10 bis 15 Jahren, das hat uns der Politikwissenschaftler Hans-Peter Schwarz verraten, werden wir auf fundierte Erträge zeitgeschichtlicher Forschung über Einheit und Vereinigung zurückgreifen können. Über Bewertungen hat er sich nicht geäußert. Nimmt man aber die derzeit kursierenden Äußerungen zum Maßstab, kommt man leicht zu dem folgenden Eindruck, der sich in einem Zukunftsbild ausmalen läßt.

Ein Schüler, der um die Jahrtausendwende sein neues Geschichtsbuch aufschlägt, stößt auf eine eigenartig zergliederte Geschichtslandschaft. Den Hauptteil des Buches, das unter dem Titel „Die Rückkehr Deutschlands, 1914-1999" steht, belegt die eingehende Analyse und Darstellung der „40 Erfolgsjahre Westdeutschlands". Gut zwei Drittel des Bandes sind damit gefüllt. Wohnt der Schüler in Ostdeutschland und möchte er wissen, welche geschichtlichen Erfahrungen den Erziehungsstilen seiner Eltern und Großeltern zugrunde liegen, wird er enttäuscht werden, es sei denn, er versteht, zwischen den Zeilen zu lesen. Nur ein schmächtiges Kapitel des Lehrbuchs nimmt sich unter der Überschrift „40 verlorene Jahre im Osten" der Lebenswelt seiner unmittelbaren Vorfahren an. Die restlichen Abschnitte beschäftigen sich exkursartig mit den 12 Jahren der „Heimsuchung" und ihrer Weimarer Vorgeschichte.

November 1991

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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