Das „Politbarometer" der Forschungsgruppe Wahlen veröffentlicht seit 1986 nicht mehr die tatsächlich ermittelten Antworten auf seine Sonntagstrage „Wen würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahlen wären", sondern manipuliert die Befragungsergebnisse durch eine „Gewichtung". Wie der Wuppertaler Mathematikprofessor Fritz Ulmer berichtet, ging diesem Verfahrenswechsel eine Intervention der CDU voraus. Die Forschungsgruppe Wahlen hinterlegt allerdings die Rohdaten beim Sozialarchiv der Universität Köln. Das Verdienst Professor Ulmers ist, Rohdaten und ZDF-Darstellung miteinander in Bezug gesetzt zu haben und einmalige Einblicke zu ermöglichen. Nur alle vier Jahre, passend zu den Wahlen, nähern sich Befragungsergebnis und Politbarometermeldung einander an. In der Zwischenzeit meldet die Forschungsgruppe Wahlen, was sie für richtig hält. Bei näherer Betrachtung der Koalitionsergebnisse zeigt sich: In 95 Monatsbefragungen erhielten CDU/CSU/FDP nur achtzehnmal 50 oder mehr Prozent der „Wählerstimmen", aber in der Berichterstattung des ZDF-Politbarometers wurde die Koalition 43mal mit absoluter Mehrheit gemeldet. Die „Wähler" drückten die Koalition in immerhin 21 Monatsbefragungen unter 40 Prozent. Das ZDF wollte derartige Meldungen niemandem zumuten: Kein einziges Mal berichtete es von einem solchen Ergebnis.
Ausgabe
November 1994