Frankreich ist anders. Da schreibt einer der führenden französischen Soziologen einen „Lettre à Lionel, Michel, Jacques, Martine, Bernard, Dominique ... et vous“, wendet sich also mit einem „Brief“ an die Köpfe der französischen Sozialdemokratie (Jospin, Rocard, Delors, Aubry u.a.) – und liefert eine hundertseitige Abhandlung über „die Erfindung einer anderen Linken“. Diesen „Brief“ findet man überall in Frankreich, auch in Kaufhausregalen, Ende 1995 und Anfang 1996 erlebt die Schrift (Librairie Arthème Fayard, Paris) kurz hintereinander zwei Auflagen. Ungewöhnlich ist auch, was Touraine als Aufgabe – ausgerechnet? – der Linken identifiziert: „Wiederzuvereinigen, was getrennt wurde“ (S.83). Und das bedeutet? „Einige der besten Köpfe dieses Jahrhunderts, insbesondere Jürgen Habermas, haben die Krise der heutigen Gesellschaft als Zerstörung der Lebenswelt durch das strategische Handeln, das ich lieber als instrumentelle Rationalität bezeichne, definiert. Ich mißtraue dieser einseitigen Verurteilung. Wir brauchen technische Rationalität ebenso wie kulturelles Gedächtnis; vor allem darf man nicht, wie seit Tönnies so oft geschehen, die Gesellschaft der Gemeinschaft und den Wandel der Ordnung entgegensetzen: wir müssen wiedervereinigen, was auseinandergerissen wurde.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.