Ausgabe Oktober 1996

Volkes Stimmen

Populismus im Ländervergleich

Die Politik des „Populismus“ will (endlich) das „Volk“ zu Wort kommen lassen.1 Ein Volk, dessen Stimme unhörbar geworden ist, weil seine Repräsentanten alles besser wissen: Sie sind Experten des Gemeinwohls, können komplizierte Zusammenhänge durchschauen, respektieren sachliche Zwänge, beachten ferne Folgen, treffen verantwortungsbewußte Entscheidungen. Der politischen Elite steht eine unpolitische Masse gegenüber: häufig emotional, immer uninformiert, im Grunde apathisch. Von Hegel bis Schumpeter und darüber hinaus hat sich die herrschende Theorie darauf festgelegt, daß dieser Zustand nicht nur da, sondern auch gut sei, zeuge er doch von einer verbreiteten Zufriedenheit mit den Verhältnissen und trage außerdem jenen Grenzen Rechnung, die der demokratischen Sache in hochkomplexen Gesellschaften mit „eherner“ Logik nun einmal gesetzt sind.

Doch immer mal wieder wird diese heile Welt durcheinandergewirbelt. Dann rebelliert das Volk und macht seinen Vertretern unmißverständlich klar, daß es sich nicht repräsentiert fühlt. Dann stoßen Machthaber an die Grenze ihrer Macht. Was ihnen richtig erscheint, ist „politisch nicht durchsetzbar“; so gehen sie wider besseres Wissen Kompromisse ein, ändern den vorgesehenen Kurs ihrer Politik oder wenigstens deren Geschwindigkeit – bis sich die Turbulenzen wieder gelegt haben.

Oktober 1996

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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