Ausgabe Dezember 1997

Nordirland: Per Handshake zum Frieden?

Als Tony Blair am 13. Oktober Sinn Fein-Präsident Gerry Adams die Hand schüttelte, bewies er einmal mehr, daß er ein brillanter Taktiker ist und politischen Fallstricken gekonnt aus dem Wege zu gehen versteht. Das erste direkte Gespräch eines britischen Premiers mit einem politischen Vertreter der IRA seit den irischen Unabhängigkeitsverhandlungen 1921 fand nämlich hinter verschlossenen Türen statt.

So vermied es Blair im Gegensatz zu Bill Clinton Anfang 1996, daß sein Händedruck mit Gerry Adams durch die Medien zum großen Fotoereignis wurde.

Schließlich kann er sich nicht sicher sein, ob der Friedensprozeß in Nordirland nicht ein weiteres Mal in eine Sackgasse gerät und er einen öffentlichen Händedruck schon bald zu bereuen hätte. Auf der grünen Insel zählen symbolische Handlungen oft mehr, als tatsächliche politische Ereignisse. Nicht umsonst sind in Nordirland die zahllosen Paraden der Protestanten zum Gedenken an rund 300 Jahre zurückliegende Ereignisse von größerer Bedeutung als manches Politikertreffen. Blair hat seit Verhandlungsbeginn am 15. September ganz deutlich gemacht, daß für ihn alle Teilnehmer am Runden Tisch im Schloß Stormont vor den Toren Belfasts gleich wichtig sind. Man solle sich endlich wie Menschen behandeln, forderte der Premier beim Händedruck mit Adams.

Dezember 1997

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.