Ausgabe Januar 2006

Das Manifest der Sprachlosen

So schnell die Wellen medialer Erregung sich auftürmten, so schnell haben sie sich wieder gelegt: Weder kam es zu einer um Verstehen bemühten intellektuellen Auseinandersetzung mit den meist als bloße „Krawalle“ bezeichneten französischen Jugendprotesten, noch zu einer Anerkennung dieser in Ausmaß und Ziellosigkeit neuen Art der Konfliktartikulation in westlichen Industriestaaten. Ausschließlich als Unruhen wahrgenommen, wurde den gewalttätigen Protesten allein mit den Mitteln des Sicherheitsstaates begegnet, obwohl sie zugleich ein eklatantes Problem des republikanischen Wohlfahrtsstaates zum Ausdruck bringen.

Für die Intellektuellen Frankreichs und Europas boten die nächtlichen Brandstiftungen schon deshalb keinen Anknüpfungspunkt für eine Parteinahme, weil sich keine klar artikulierte und diskutierbare politische Forderung erkennen ließ. Hierzulande beruhigte man sich sogleich mit dem Verweis, dass es keine vergleichbare Ghettoisierung von gesellschaftlichen Randgruppen gebe, die Integration also insgesamt auf dem richtigen Weg sei. Damit war die Debatte in der Bundesrepublik beendet, bevor sie beginnen konnte.

Besser ließ sich über Frankreich reden, das tatsächlich von einem mehrfachen Schock heimgesucht wurde: dem Schock über das Ausmaß der Gewalt, dem Schock über das Ausmaß der Desintegration und schließlich dem Schock über das Ausmaß der Ratlosigkeit.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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