Ausgabe Juni 2009

Kurzgefasst

Aus Anlass des 80. Geburtstags von Jürgen Habermas am 16. Juni haben wir jene um Beiträge gebeten, die Theorie und Praxis, Praxis und Theorie des bedeutendsten deutschen Intellektuellen der Gegenwart aus nächster Anschauung kennen, nämlich seine ehemaligen Hochschulassistenten sowie einige seiner engsten Mitarbeiter aus Frankfurter Zeiten.

Seyla Benhabib: Kosmopolitismus und Demokratie: Von Kant zu Habermas

Wie ist die kosmopolitische Vision einer Gerechtigkeit, die nicht an der Staatsgrenze endet, mit der nationalstaatlichen Verfasstheit der Demokratie zu vereinbaren? Seyla Benhabib, Professorin für Politikwissenschaft und Philosophie an der Yale University, rekonstruiert die Vorstellung des „demokratischen Kosmopolitismus“ von der griechischen Antike über Kant bis zu Habermas. Ihre These: Angesichts globaler Migrationsströme kann die Konstitution des demos heute nicht länger im nationalstaatlichen Rahmen gedacht werden. Im Zeitalter der Globalisierung werde Habermas’ Forderung nach der „Einbeziehung des Anderen“ daher zur weltbürgerlichen Pflicht.

Kenichi Mishima: Die japanische Nachkriegsaufklärung und die Bedeutung von Jürgen Habermas

Welchen Einfluss besitzt die europäische Geistestradition auf die Intellektuellen im fernöstlichen Japan? Am Beispiel der Modernisierungsdiskussion rekonstruiert Kenichi Mishima, Professor für Philosophie an der Universität Osaka, den hart umkämpften Weg der japanischen Nachkriegsaufklärung – von den marxistischen Debatten der 50er und 60er Jahre über die postmoderne Modernitäts- und Zivilisationskritik der 80er Jahre bis hin zum Aufkommen eines neuen Kulturnationalismus. Mishimas These: Im Kampf gegen den Kulturnationalismus zähle das Werk des Europäers Habermas heute zu den wichtigsten Waffen der japanischen Aufklärung und Demokratie.

Wolfgang Lieb: Humboldts Begräbnis: Zehn Jahre Bologna-Prozess

Am 19. Juni jährt sich die Verabschiedung der sogenannten BolognaErklärung zum zehnten Mal. Der Jurist Wolfgang Lieb zeigt, wie sich die deutschen Hochschulen gerade durch die Einführung von Bachelor und Master massiv zum Negativen hin verändert haben. Im Ergebnis, so Lieb, bewirkten die „Reformen“ eine Abkehr vom Humboldtschen Bildungsideal und eine Hinwendung zum ökonomistischen Glauben an die Überlegenheit der kapitalistischen Wettbewerbssteuerung auch an den Universitäten.

Joachim Becker: Osteuropa in der Finanzkrise: Ein neues Argentinien?

Die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf Osteuropa sind gewaltig; einzelne Länder wie Ungarn und die Ukraine standen bereits am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Joachim Becker, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, untersucht die – durchaus unterschiedlichen – Folgen für die jeweiligen Volkswirtschaften. Während einzelne Länder weniger stark betroffen sind, droht sich in jenen Staaten, die ihr Wirtschaftswachstum primär mittels Auslandsverschuldung finanziert haben, das argentinische Krisenszenario der Jahrhundertwende zu wiederholen – zumal der einzige ihnen verbleibende wirtschaftspolitische Ausweg, nämlich die Verminderung der Importabhängigkeit, angesichts der mächtigen Interessen der westeuropäischen Exportnationen bislang ausgeschlossen wird.

Lars Normann: Pakistan im Mehrfrontenkrieg

Die schlechten Nachrichten aus Pakistan reißen nicht ab. Nicht nur in Washington betrachtet man das Land inzwischen bereits als „failing state“. Der Politikwissenschaftler Lars Normann analysiert die komplexen innen- und außenpolitischen Probleme, vor die sich die schwache zivile Regierung in Islamabad gestellt sieht: Islamisten kontrollieren weite Teile im Westen des Landes, im Osten schwelt der Kaschmir-Konflikt mit Indien, und im Lande selbst gerieren sich das eigenmächtige Militär und sein Geheimdienst weiterhin als „Staat im Staate“. Nur ein auf die immer noch starken säkularen Kräfte gestütztes, entschlossenes Handeln könne das Land stabilisieren und den islamistischen Terror wirksam bekämpfen.

 

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo