Ausgabe November 2010

Amerika allein zu Haus

Das Verhältnis zwischen Westeuropa und jenen Kolonien, aus denen später die Vereinigten Staaten entstehen sollten, war von Anfang an kompliziert. Als bloße Anhängsel der Großmächte Europas wurden die nordamerikanischen Siedlungsgebiete in deren Konflikte untereinander verwickelt – die Kriege König Williams III. und jene der Königin Anne sowie die Franzosen- und Indianerkriege. Schließlich kam es zur Revolte der amerikanischen Kolonien gegen England, und drei Jahrzehnte später eröffnete die Reprise des Krieges mit England den eben entstandenen Vereinigten Staaten die Gelegenheit, das niedergebrannte Kapitol der neuen Nation und die Stadt Washington wieder aufzubauen.

Heute gestaltet sich das Verhältnis der USA zu Europa erneut kompliziert, komplizierter als manche meinen, denn wir haben es mit einer langsamen, aber eindeutigen Erosion und beiderseits zunehmendem Argwohn zu tun. Die Ursache liegt vor allem in Amerikas mangelnder Bereitschaft, sich von der Vorstellung zu lösen, die Staaten der Europäischen Union würden die respektvollen Satelliten bleiben, die sie seit dem Zweiten Weltkrieg die meiste Zeit hindurch waren. Die Situation der Kolonialperiode hat sich in gewissem Maße umgekehrt, wobei sich diesmal Amerikas Verbündete in Europa sich gegen die imperialen Kriege der USA stellen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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