Ausgabe Juni 2016

Kurzgefasst

David Graeber: Großbritannien oder: Das Ende der Resignation, S. 45-58

Das Leitmotiv für drei Generationen von Briten lautete „No Future“. Nach jahrzehntelanger Dominanz des Neoliberalismus glaubten sie schlicht nicht mehr an gesellschaftliche Veränderungen im Interesse der Mehrheit. Damit aber ist es vorbei, so der Anthropologe David Graeber. Heute streifen mehr und mehr Briten die Resignation ab, utopisches Denken wird zunehmend populär. Eine Symbolfigur dieses Wandels ist der neue Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn.

Ulrike Guérot: Das Versagen der politischen Mitte. Die EU und der Aufstieg des Rechtspopulismus, S. 59-67

Ob Österreich oder Frankreich, Polen oder Ungarn: Der Populismus überschwemmt die Europäische Union und droht durch fortschreitende Renationalisierung deren Existenz zu gefährden. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot geht auf Ursachenforschung und identifiziert als Kern des Übels die selbstgefällige politische Mitte Europas. Diese traue sich nicht, das vorherrschende Demokratiedefizit der Union offen anzuprangern. Anstelle dieser kollektiven Verdrängung gebe es nur eine einzige Chance: die dringend notwendige politische Union.

Malte Daniljuk: Energiesupermacht USA. Wie Barack Obama mit Fracking und Freihandel Außenpolitik betreibt, S. 68-76

In den vergangenen bald acht Jahren der Amtszeit Barack Obamas kam es zu einem erstaunlichen Zusammenspiel – von Energiepolitik, Freihandel und militärisch gesicherter Außenpolitik. Der Sprach- und Kommunikationswissenschaftler Malte Daniljuk bilanziert die beiden Legislaturperioden und ordnet sie in die US-amerikanische Tradition ein. Dabei identifiziert er nicht nur die strategische Linie Barack Obamas, sondern auch einen alten Bekannten der US-Außenpolitik: den Neorealismus.

Janine R. Wedel: Einfluss ohne Grenzen: Die neuen globalen Schatteneliten, S. 77-88

Die Veröffentlichung der Panama Papers hat schlagend deutlich gemacht, dass unsere bisherigen Erkenntnisse über die globalen Eliten den Realitäten heillos hinterherhinken. Denn durch das Ende des Kalten Krieges und die fortschreitende Privatisierung und Finanzialisierung wurden die Karten völlig neu gemischt. Die US-amerikanische Politologin und Anthropologin Janine R. Wedel fordert ein radikales Umdenken – um endlich die demokratische Kontrolle über die Schatteneliten zurückzuerobern.

Hartmut Rosa: Politik ohne Resonanz. Wie wir die Demokratie wieder zum Klingen bringen, S. 89-100

Das große Versprechen der Demokratie besteht in ihrem Vermögen, die Herrschenden in ein Antwortverhältnis gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern zu bringen. Doch dieses Resonanzverhältnis scheint zunehmend gestört, so die Analyse des Philosophen Hartmut Rosa. Die Folge sind politische Entfremdung sich als ohnmächtig empfindender Individuen und ein aufkeimender Populismus. Doch berge diese Entwicklung auch eine Chance – auf die Entstehung neuer, progressiver Resonanzräume.

Andrea Röpke: »Mut zur Tat«: Der rechte Terror als neue deutsche Normalität, S. 101-112

Während Pegida, NPD und AfD rechte Stimmungsmache betreiben und so ein zunehmend fremdenfeindliches Klima schaffen, werden rechtsradikale Übergriffe auf Migranten und linke Politiker immer mehr zur „Normalität“. Die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Andrea Röpke analysiert Strukturen und Taktiken der rechten Szene und geht dabei vor allem auf die Bindeglieder ein – zwischen scheinbar bürgerlich agierenden Neonazis und rechtsterroristischen Untergrundstrukturen.

Janna Greve: Kolumbien: Alles oder nichts für den Frieden, S. 113-119

Obwohl die Kriegsparteien seit vielen Monaten verhandeln, stagniert der Friedensprozess zwischen der kolumbianischen Regierung und den Rebellen der FARC. Die Politikwissenschaftlerin Janna Greve plädiert daher für die Erweiterung um nachhaltige friedensfördernde Maßnahmen, die die Zivilgesellschaft einbeziehen, die Verbrechen aufarbeiten und die Demobilisierten integrieren. Nur auf diese Weise sei der Konflikt wirklich beizulegen.

 

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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