Ausgabe März 2022

Putins Russland oder: Die geistige Entkopplung von Europa

Einweihung des Schlachtgebetsdenkmals in der Stadt Nikolskoje südöstlich von St. Petersburg anlässlich des 800. Geburtstags von Großfürst Alexander Newski, 22.12.2021 (IMAGO / ITAR-TASS)

Bild: Einweihung des Schlachtgebetsdenkmals in der Stadt Nikolskoje südöstlich von St. Petersburg anlässlich des 800. Geburtstags von Großfürst Alexander Newski, 22.12.2021 (IMAGO / ITAR-TASS)

In der militärischen Eskalation Russlands gegenüber der Ukraine manifestieren sich in verheerender Weise höchst einseitige Interpretationen und Instrumentalisierungen der Geschichte und ihrer Ereignisse – von russischer, aber auch von westlicher Seite.

Im Juni 2021 beschwor Russlands Präsident Wladimir Putin in einem Aufsatz die »dreieinige Nation« (Russland, Belarus, Ukraine) und die »historische Einheit« von Russen und Ukrainern und warnte vor einer feindlichen Übernahme des Nachbarlandes durch den Westen. Hinter diesem Denken steht mehr als nur die geostrategische Rivalität mit USA und Nato: Es ist, wie der Historiker Igor Torbakow beschreibt, die Konsequenz einer kulturellen Abwendung vom angeblich dekadenten Europa, die kremlnahe Intellektuelle bereits seit Jahren forcieren. Zugleich ist die militaristische Außenpolitik, auf die Putin im Umgang mit der Ukraine setzt, auch historisch bedingt. Sie ist, argumentiert der Schriftsteller Sergej Lebedew, Ausdruck einer sowjetischen Tradition des Autoritarismus, deren Aufarbeitung gezielt verhindert werden soll, wie zuletzt das Verbot der NGO »Memorial« gezeigt hat. Diese Tradition prägt auch die Frage des Machttransfers, für den in Russland lange Kasachstan als Vorbild galt, so der Politologe Ewgeniy Kasakow.

Von westlicher Seite wurden dagegen nach Ende des Kalten Krieges die Sicherheitsbedürfnisse Russlands zunehmend negiert und übergangen, so der Historiker Bernd Greiner.

März 2022

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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