Ausgabe Mai 1996

Alles eine Frage des Standorts

Man muß schon einen ziemlich grimmigen Humor haben, um es lustig zu finden, daß das grün-ökologische Motiv vom „Rückbau“ der Industriegesellschaft neuerdings von allen Kanzeln des „Standort Deutschland“ gepredigt wird, allerdings mit einer kleinen Verschiebung: vom „Rückbau“ des Sozialstaates ist die Rede. Wer da in den Umkreis einer „Anpassung“ oder gar einer „Reform“ gerät, der tut gut daran, sich warm anzuziehen. Daß diese Ausdrücke im Munde der Politiker einen drohenden Unterton angenommen haben, ist noch milde formuliert.

Wer aber ist es, der „Anpassungen“, auch und gerade „schmerzhafte“, erzwingt? Es ist der „Standort“, die rhetorische Dampfwalze, mit der die Politiker aller Parteien derzeit am liebsten spielen. Ob die Unternehmenssteuern gesenkt, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gestrichen oder die Arbeitslosenhilfe reduziert werden soll – für alle Aktionen gibt es nur einen Grund und einen Nutznießer: den „Standort“.

Rhetorische Neuerungen dieses Typs, die sich widerstandslos durchsetzen und die bald nach ihrem ersten Auftritt Parteigrenzen überschreiten, sind unter zwei Gesichtspunkten interessant: als Indikatoren einer neuen, veränderten Lage und als Faktor des rhetorischen Managements, des Macht und Zustimmung organisierenden Umgangs mit dieser neuen Lage.

Mai 1996

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