Ausgabe Juli 1998

Das Ende der nuklearen Nichtverbreitung? Hintergründe und Folgen der Atomtests in Südasien.

Der Schritt über die Schwelle

Die Detonationen auf dem indischen Subkontinent sind ein historisches Ereignis, dessen Tragweite sich mit der des Falls der Berliner Mauer vergleichen läßt. Diesmal läuft die Entwicklung allerdings in die entgegengesetzte Richtung: Konflikte verschärfen sich, Kriegsgefahr droht. Aus den bisherigen Verlautbarungen Indiens läßt sich schließen, daß wahrscheinlich drei unterschiedliche Sprengkopftypen zur Explosion gebracht wurden. Als sicher ist anzunehmen, daß einer davon für die Mittelstreckenrakete Agni bestimmt ist. Sie hat eine Reichweite von 2 500 km und deckt damit nicht nur alle wichtigen Ziele in Pakistan ab, sondern ist auch in der Lage, Bevölkerungszentren in China zu erreichen. Wir dürfen weiter vermuten, daß Indien eine Bombe für seine nuklearfähigen Bomber-Flugzeuge britischer und sowjetischer Herkunft entwickelt hat. Sollte Indien tatsächlich ein drittes Design getestet haben, so scheint es mehrere Verwendungsmöglichkeiten zu geben. Eine wäre die Bestückung der Kurzstreckenrakete Prithvi mit einer Reichweite von maximal 300 km. Diese Rakete soll bereits entlang der pakistanisch-indischen Grenze stationiert worden sein, wo sie taktische Aufgaben wahrnehmen könnte. Denkbar wären auch nukleare Artilleriegeschosse, die zur Blockade der Zugänge über den Himalaja eingesetzt werden könnten, also zur Abwehr eines chinesischen Angriffs.

Juli 1998

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