Die Auseinandersetzung um den Ausstieg aus der Kernenergie spitzt sich zu. Mitte September zog die deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges in einem nachstehend dokumentierten Brief an alle grünen Kreis-und Landesverbände Bilanz nach zehn Monaten rot-grüner Atompolitik und forderte die grüne Basis auf, Parteiführung und Bundestagsfraktion unter Druck zu setzen. Fast zur gleichen Zeit trafen sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Energie von Bündnis 90/Die Grünen und der sogenannten Energiepolitische Ratschlag der Grünen und beschlossen ein Positionspapier, das sich an die gleichen Adressaten richtete. Ende September bekräftigte die Bundesregierung zwar die in der Koalitionsvereinbarung festgehaltene Absicht, den Ausstieg notfalls per Gesetz zu regeln, falls nicht bis Jahresende mit Industrie und Betreibern ein Konsens zustande komme (vgl. „Blätter“, 12/1998, S. 1531). Als Grundlage gilt nun aber ein von Umweltminister Trittin entwickeltes „flexibles Ausstiegsmodell“ mit einer „Basislaufzeit“ von 25 Jahren, die für einzelne Reaktoren variiert werden könne. Die führenden Umweltverbände bezeichneten das Modell am 29. September als inakzeptabel.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.