Ausgabe Oktober 2000

Der Fall Österreich, Neue Folge

Von wiedererlangter Würde

Rechts, wo man schon immer die vermeintlichen Sanktionen als Sakrileg, als Kapitalvergehen gegen die "freie demokratische Selbstbestimmung" gegeißelt hatte 1), wurde der Österreich-Bericht von Martti Ahtisaari, Jochen Frowein und Marcelino Oreja nach Kräften bejubelt. In den mittleren Lagen las sich das etwas anders, lief aber auf dasselbe hinaus: Sicherlich sei das ganze gut gemeint gewesen. 2) Die allgemeine Erleichterung galt der schlußendlichen Empfehlung des "Weisenrates", und die fiel eindeutig aus: Die "Maßnahmen" der vierzehn EU-Mitgliedstaaten gegen die schwarzblaue Regierung Österreichs sollten, weil tendenziell kontraproduktiv, aufgehoben werden. 3) Also zelebrierte man das verdiente Ende einer "politische[n] Dummheit" 4), ohne es dabei zu belassen. Denn manche wähnten sich in ihrer Kritik an der geschichtspolitischen Selbstverortung Europas bestätigt und im Aufwind: "Die Holocaust-Konferenz von Stockholm Anfang dieses Jahres und die sich unmittelbar anschließenden Sanktionen der Europäischen Union gegen Österreich waren als Fanal einer globalisierten Erinnerungskultur zu verstehen, deren Kennzeichen nicht zuletzt die umstandslose Vereinnahmung durch die internationale Tagespolitik ist.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.