Ausgabe Februar 2001

Putin läßt singen

Mir war damals nicht danach, in die allgemeine Hysterie einzustimmen, als wirklich jeder über die Nationalhymne schrieb. Heute allerdings sind die neuen Symbole da, die Debatte ist abgeflaut, und plötzlich überkam mich der Wunsch, meine Meinung kundzutun. Während der Hymnendebatte führte die liberale Intelligenzija das Argument ins Feld, Alexander Alexandrows Musik sei die „Hymne der Kommunistischen Partei der Sowjetunion“ gewesen. Unfug. Die Hymne der Partei war die „Internationale“, bis 1942 zugleich die Hymne der Sowjetunion. Mitten im Krieg traf Stalin eine Reihe von Entscheidungen, in der Absicht, mit den alten kommunistisch- revolutionären Symbolen und Traditionen zu brechen. Armeeoffiziere erhielten ihre Schulterstücke zurück, und aus „Volkskommissaren“ wurden Minister. Er suchte den Ausgleich mit der russisch-orthodoxen Kirche und löste die Komintern auf.

Die Alexandrow-Hymne diente von Anfang an dazu, die Rückkehr zu Stil und Methoden der alten Monarchie zu signalisieren. Es handelte sich schlicht um die Parteiversion von „Gott schütze den Zaren“. Indem Wladimir Putin diese Ode an den Doppeladler des Zarenreichs übernahm, beendete er, was Stalin begonnen hatte.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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