Ausgabe Mai 2001

Deutschland und die albanische Frage

"Die albanische Frage ist offen" - dieses sibyllinische Diktum des deutschen Außenministers, verkündet am 22. März in einem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), war dem Blatt zu Recht einen dicken Aufmacher wert. Bekannte sich Fischer hier doch deutlich genug zu Veränderungen des Status quo in der zentralbalkanischen Region. Jedenfalls darf sich der Minister nicht wundern, wenn die albanischen Extremisten, nach Aufnahme des bewaffneten Kampfes auch in der bislang in trügerischem Frieden lebenden "Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien", ein deutsches Versprechen aus dieser Äußerung heraushören. Hat sich doch die deutsche Außenpolitik seit der albanischen Staatsgründung im Jahr 1912 mehr als einmal für eine Grenzziehung im Sinne des großalbanischen Nationalismus eingesetzt.

Geschichte einer zweifelhaften Gönnerschaft

Nach dem ersten Balkankrieg von 1912 war Berlin gemeinsam mit der Donaumonarchie für ein Albanien eingetreten, das vom Amselfeld bis zum griechischen Parga reichen und auch Nordwest-Mazedonien von Ochrid bis Tetovo umfassen sollte. Doch Deutschland und Österreich-Ungarn konnten sich damals nicht durchsetzen, die Grenzen Albaniens wurden gemäß den Vorstellungen der anderen Großmächte gezogen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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