Ausgabe August 2003

Hirn im Bauch

"Sag mir, was du liest, und ich weiß, wer du bist" – das war im Zeitalter der Bücher ein weit verbreiteter Glaube. Wenn heutzutage Manager Machbarkeitsstudien über ein neues Printprodukt in Auftrag geben, gilt die umgekehrte Hoffnung: Je besser die Bedürfnisse eines Sektors der Gesellschaft ausgelotet werden, umso mehr Chancen hat das Produkt, bei den Repräsentanten desselben "anzukommen". Der souveräne Griff ins Bücherregal ist längst der Reaktion auf Anreize gewichen.

Wenn ein großes Verlagshaus (Gruner & Jahr) eine neue Zeitschrift lanciert, erlauben deren Erscheinungsbild und Inhalt Rückschlüsse darauf, was die angesprochene "Zielgruppe" nach Meinung der Fachleute denkt, fühlt, lebt und kauft. "Neon", so der Titel des neuen Magazins, richtet sich mit dem Slogan "Eigentlich sollten wir erwachsen werden" an junge Leute zwischen Unbeschwert- und Abgebrühtheit, an Heranwachsende auf dem Sprung in die bürokratischen, ideologischen und kommerziellen Systeme unserer Gesellschaft.

Aber die, die da zu Wort kommen, uns das kollektive "wir" antragen, haben den Sprung bereits hinter sich, das Bungee-Seil hat gehalten. Der Tanz auf des Messers Schneide ist bereits ein Rückblick, die Sensationen und Emotionen, die er enthält, sind schon nicht mehr Bangen und Hoffen, sondern Gutdrauf und Locker.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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