Ausgabe April 2005

Stasi auf polnisch

Stanley Kowalsky ist verbittert. In dem von Frank Castorf vor einigen Jahren an der Berliner Volksbühne inszenierten Stück "Endstation Amerika" muss er sich als polnischer Emigrant und ehemaliger Solidarnoу-Kämpfer durchschlagen, indem er als Gorilla verkleidet in den USA Werbung für Kaugummi macht. Gelegentlich beschwört er desillusioniert und enttäuscht die Zeit, als er mit Lech Walesa Seite an Seite kämpfte. Er hat gewonnnen und doch verloren, denn sein Freiheitskampf ist jetzt nichts mehr wert, die Postkommunisten beherrschen wieder alles. Kowalsky blickt zurück im Frust.

Ungefähr so wie Kowalsky fühlt heuer das Gros der ehemaligen polnischen Dissidenten. Deshalb haben sich die Frustrierten jetzt ein Ventil verschafft und ordentlich Dampf abgelassen.

Das Ventil ist die so genannte Wildstein- Liste, benannt nach dem Journalisten Bronislaw Wildstein, der die ihm zugespielte Liste mit Namen von Mitarbeitern des polnischen Staatssicherheitsdienstes aus der Zeit vor 1989 Ende Januar ins Internet stellte. Da im Internet rasch Fälschungen kursierten, musste das Institut für Nationales Gedenken (IPN) die Liste mit 240000 Namen, deren Akten in der Warschauer IPN-Zentrale liegen, schließlich wider Willen im Original veröffentlichen.

Seitdem scheint es kaum jemanden zu geben, der sich nicht dafür interessierte, ob seine Nachbarn, Freunde und Familie Teil des alten Regimes waren.

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